Work & Travel Australien: Housesitting auf Bribie Island und in Sydney

Zur chronologischen Orientierung sei auch in diesem Blogeintrag erwähnt, dass der hier erzählte Teil im Dezember 2023/Januar 2024 und teilweise im März 2023 stattgefunden hat, ich aber erst im Dezember 2025 dazu komme, darüber zu schreiben. Daher ist er inhaltlich weniger chronologisch und mehr thematisch zusammengewürfelt, außerdem beschränkt er sich auf die essentiellen Erinnerungen, die ich rund zwei Jahre später noch habe und die eine Erwähnung an dieser Stelle wert sind.

Nachdem ich meine 88 Tage Farmarbeit zur Verlängerung des Working Holiday Visums abgeschlossen hatte, waren einige Wochen Urlaub nach den Farmen mehr als notwendig und führten mich bekanntlich nach Thailand und Vietnam. Anschließend brachte mich Philippine Airlines wieder nach Brisbane, wo mein Auto auf mich wartete und es nach Sydney gehen sollte. Der Grund für Sydney war relativ einfach: Ich wollte nach der Zeit auf dem Land mal wieder etwas Großstadtfeeling schnuppern und nachdem ich quasi die Zeit von März bis November im Umkreis von Brisbane verbracht habe (ein solcher Umkreis umfasst nach australischer Definition gerne bis zu 500 Kilometer, die Coffs Harbour entfernt war), etwas anderes von Australien sehen. Die nächste Großstadt war dabei Sydney, von dem mich schlappe 950 Kilometer Autofahrt trennten.

Diese absolvierte ich in insgesamt zwei Tagen ohne nennenswerte Stopps außer einer Übernachtung in Port Macquarie nach ungefähr 550 Kilometern. Der Weg dorthin führte aus Brisbane startend an diversen Erinnerungen der vergangenen Monate vorbei, entlang der Gold Coast samt dem Flughafen, von wo aus ich meine erste Flugstunde absolviert habe, den Abzweigungen nach Byron Bay und Lismore zur ersten Farmerfahrung umgeben von ganz vielen Nüssen und auch durch Coffs Harbour durch, wo ich zwischendurch mal zwei Monate verbracht habe, ehe ich den Weg zur Erdbeerfarm eingeschlagen habe. Es war irgendwie komisch, diese Mini-Zeitreisen durchzuleben und an den Orten vorbeizufahren, weil nicht alle Erinnerungen schön oder einfach waren.

Town Beach, Port Macquarie

Town Beach, Port Macquarie

In Port Macquarie lud ich ein paar Kartons Bücher ab, die ich in Brisbane durch CoSeats „vermittelt“ bekommen hatte, eine Plattform ähnlich wie BlaBlaCar für Mitfahrgelegenheiten. Ehe es nach einem kurzen Übernachtungsstopp weiter auf dem Pacific Hwy in Richtung Süden ging, konnte ich mir eine Frühstückspause am Town Beach nicht verkneifen und so interessant Asien war, konnte ich hier wieder zum ersten Mal in aller Ruhe das australische Lebensgefühl mit der Verbindung aus Strand, Stadt, Sonne, blauem Himmel und einer entspannten Atmosphäre genießen.

Während der Pacific Hwy zwischen Brisbane und Sydney nach dem Verlassen der Region um die Gold Coast herum einsamer und leerer wurde, um dann kurz um Coffs Harbour und Port Macquarie etwas Leben eingehaucht zu bekommen, verlief die sonstige Straße wenn auch meist vierspurig, durch relativ wenig Zivilisation und erlaubte ein entspanntes Vorankommen mit einer maximal erlaubten Reisegeschwindigkeit von 110 km/h. Voller wurde es dann erst beim Erreichen von Newcastle rund 150 Kilometer vor Sydney und man merkte relativ schnell die Schatten der Großstadt.

Die Idee hinter Housesitting

In Sydney angekommen wollte ich mich erstmal ein wenig orientieren und insbesondere für die Innenstadt benötigte ich kein Auto, sodass ich dieses beim kostenlosen Park & Ride an der Kogarah-Station ließ und mit dem Zug in Richtung CBD gefahren bin. Dort habe ich die erste Woche im relativ vollen (im Vergleich zum Hostel nahe der Erdbeerfarm) Nate’s Place Backpackers-Hostel nahe der Kings Cross-Station verbracht, ehe es mich für weitere zwei Wochen nach Manly in Strandnähe verschlagen hat, während es um mich herum ziemlich weihnachtlich geworden war – im Hostel stand ein Weihnachtsbaum, eben solcher ein paar Meter höher fand sich auch in der Innenstadt und natürlich waren auch diverse Geschäfte weihnachtlich geschmückt.

Weihnachtsbaum in Sydney

Ein insgesamt etwas absurdes Gefühl bei Außentemperaturen von 20-35 Grad Celsius. Auf Weihnachten folgte alsbald auch Silvester und für beide Feierlichkeiten wollte ich einen Housesit finden und ein bisschen meine Ruhe abseits der Hostel haben – außerdem waren jegliche Unterkünfte über Silvester hinweg in Sydney unfassbar teuer.

Mit dem Konzept des Housesitting kam ich erst in Australien in Berührung und aus deutscher Perspektive fand ich es mehr als utopisch: Während man beim Babysitten auf ein Baby aufpasst, tut man das beim Housesitten – wie es der Name erwarten lässt – auf ein Haus. In der Regel gehört dazu auch das ein oder andere Haustier, um welches man sich ebenfalls kümmern darf. Im „Normalfall“ sind das Hunde, Katzen oder kleinere Tiere, aber manchmal beinhaltet das auch Pferde, Hühner oder was man eben außerhalb der Stadt so als Haustier bezeichnet. Der Deal ist dabei, dass man sich um die Tiere kümmert, füttert, Gassi geht, auf das Haus aufpasst und dafür umsonst in diesem leben kann. Je nachdem nächtigt man dabei in einem Gästezimmer – welches für gewöhnlich immer in einem australischen Haus vorhanden ist – oder alternativ auch im eigentlichen Schlafzimmer und kann dabei das Haus in seinen vollen Zügen nutzen.

Meinen ersten Housesit, der mich mit diesem Konzept vertraut machte, hatte ich auf Bribie Island, einer Insel rund 100 Kilometer nördlich von Brisbane entfernt. Wir hatten damals über TrustedHousesitters besagtes Haus auf der Insel gefunden, wo wir uns für insgesamt dreieinhalb Wochen um den damals fünf Jahre alten Labrador Retriever Ava kümmern durften.

Ava, fertig vom Spielen am Strand
Ava, noch nicht fertig vom Spielen am Strand
Die schlauste war sie aber nicht, weil sie das Platzieren eines Leckerli unter einem der Becher etwas überfordert hat
Ist sie nicht süß

Ava war ein unfassbar liebevolles Wesen, welches pünktlich um sieben Uhr morgens an der Bettkante stand, wenn es ins Schlafzimmer reingelassen wurde, weil sie sich unfassbar auf ihr Frühstück freute, welches sie sabbernd innerhalb von nicht einmal dreißig Sekunden inhalierte. Immer, wenn sie sich über etwas sehr freute, drehte sie sich gegen den Uhrzeigersinn auf der Stelle im Kreis. Darüber hinaus forderte sie aber einiges an Spaziergängen und Ausflügen, die uns jeden Tag locker zwei oder drei Stunden beschäftigt hielten. Mal gingen wir in der näheren Umgebung der wunderschönen Insel mit ihr spazieren, hin und wieder fuhren wir mit ihr aber auch an einen der vielen Strände, wo Hunde ohne Leine herumtoben durften und ein Ball das good girl mehr als genug auspowerte, sodass der Weg ans Meer zwei Spaziergänge ersetzte – aber am Ende viel Arbeit erforderte, um den ganzen Sand aus allem herauszubekommen.

Das Haus, auf das es auch aufzupassen gilt
Hinten sind der Pool und Kanal zu erkennen

Neben Ava hatten wir natürlich auch um das Haus Sorge zu tragen und dieses bestand neben der Wohneinheit selbst aus einem kleinen Garten mit Pool, einem Steg direkt an den Bribie Gardens Canal und zwei Kajaks, die wir irgendwann auch für einen Wasserausflug zusammen mit Ava genutzt haben. Auch den Zweitwagen der beiden Besitzer, Kevin und Anita, konnten wir nutzen, sodass wir damit zum Beispiel einen Tagestrip nach Brisbane oder an die Sunshine Coast gemacht haben.

Hunde-Yoga :D

Hunde-Yoga 😀

Das faszinierende für mich war, dass wir mit Kevin im Voraus nur ein paar Nachrichten ausgetauscht und einen kurzen Anruf abgehalten haben, er uns eine Stunde entfernt vom Flughafen in Brisbane abgeholt hat und nach einer kurzen Haus- und Hundeinweisung sein eigenes Zuhause samt geliebtem Haustier für dreieinhalb Wochen zwei quasi wildfremden Personen überlassen hat – etwas, was ich mir in Deutschland nie im Leben vorstellen würde, was in Australien aber ziemlich normal war. Die Plattform selbst verlangt eine Jahresgebühr und eine Verifizierung, wirklich mehr an Informationen bekommt man außer über das selbsterstellte und ausgefüllte Profil aber nicht. Dennoch gab es eine Form von gegenseitigem Vertrauen, die ich so bisher sehr selten erlebt habe und die auf die ich mich in Sydney eben wieder auf die Suche machte.

Housesitting in Sydney: Drei Katzen, ein Haus und ich

Denn nicht mehr im Hostel bei der Erdbeerfarm empfand ich – zumindest für eine überschaubare Zeit – die Fürsorge um ein oder mehrere Haustiere aufgrund der fixen Routinen sehr praktisch – ganz abgesehen von ein wenig flauschiger Gesellschaft um einen herum. Natürlich hat so ein Housesit den offensichtlichen Vorteil der Kostenersparnis für eine Unterkunft, wobei das ehrlicherweise nicht mein Hauptfokus war.

Die Suche nach einem Housesit gestaltete sich bis zum Ende hin gar nicht so einfach, was ich auf viele Faktoren zurückführte. Da ich mir ein neues Profil auf TrustedHousesitters angelegt hatte, hatte ich den ersten Sit nicht als wirkliche Referenz in meinem Profil drin und somit noch keinerlei Bewertungen. Auch gab es zwar in Sydney relativ viele Gesuche über den besagten Zeitraum, aber natürlich auch genauso viele Interessenten. Inwiefern der Fakt die Resonanz beeinflusst hat, dass ich als einzelne männliche Person – und insbesondere nicht als Paar – am Suchen war, kann ich nicht ganz messen.

So kam es, dass ich mich auf sicher mehr als ein Dutzend Gesuche bewerben musste, ehe ich erfolgreich war und die Weihnachtszeit und auch Silvester mit Ashley, Billy und Maddy verbringen durfte, ihres Zeichen drei Katzen, die 20, 6 und 5 Jahre alt waren. Die Altersunterschiede merkte man auch direkt, denn Ashley war aufgrund ihres Alters definitiv die ruhigste Katze, die sich alles gefühlt ein bisschen aus der Entfernung anschaute und wo ich mir auch im Nachhinein nicht wirklich sicher bin, ob ich mich um sie gekümmert habe oder sie um mich. Sie stolzierte hin und wieder durch die Stockwerke des Hauses, wollte ansonsten aber auch nicht sonderlich viel beschäftigt werden, sondern genoss einfach die Ruhe um sich herum zu haben.

Ashley (links), Maddy (rechts) und Billy (hinten auf dem Tisch) - eines der wenigen Fotos mit allen drei auf einem Bild

Ashley (links), Maddy (rechts) und Billy (hinten auf dem Tisch) - eines der wenigen Fotos mit allen drei auf einem Bild

Billy war mein kleiner Garfield, was eine total oberflächliche Wertung sein mag, die aber zutreffend war. Egal wo in dem doch großen Haus (dazu gleich mehr) er gerade war, reichte es mit einer Packung Leckerli zu rascheln und es dauerte nicht lange, bis er sich blicken ließ – natürlich ein bisschen katzentypische Vorsicht eingeschlossen. Ich spielte mit ihm hin und wieder auch „Leckerli fangen“, indem ich diese quer durch den halben Hausflur warf und er ihnen dann hinterher lief. Selten kam er wieder zurück (in der Erwartung, dass ich ihm den nächsten Leckerli auch dorthin werfe), sodass dieses kleine Sportprogramm für uns beide was beinhaltete, da ich dann auch zu ihm musste, um ihn wieder durch den halben Flur zu bringen. Diese oberflächliche Pummeligkeit sorgte aber irgendwie dafür, dass ich Billy sehr schnell in mein Herz schloss und er auch mich.

Ist er nicht knuffig!
Die Beute im Visier :D

Maddy wiederum war aufgrund ihres Alters die schüchternste von den drei Katzen. Bei ihr dauerte es am längsten – mehrere Tage – ehe sie sich überhaupt aus unter dem Bett oder aus dem Kleiderschrank heraustraute und auch in meiner Anwesenheit zum Essen erschien. Sobald sie sich dahingehend aber einmal überwunden hatte, konnte man mit ihr spielen und sie mit diversen Streichel- und Krauleinheiten verwöhnen.

Maddy am Spielen
Maddy und der Weihnachtsbaum sind nicht unbedingt Freunde geworden. Irgendwann musste ich den Tisch rechts hinten wegstellen, damit sie von da nicht auf den Baum springt...

Zu den drei Katzen gehörte natürlich auch noch ein Zuhause, in dem die drei mit ihren beiden Herrchen, James und Graham, lebten und auf welches ich ebenfalls die kommenden drei Wochen aufpassen durfte. Es war in Alexandria gelegen und rund 20 Minuten Fußweg oder alternativ paar Minuten mit dem Bus von den Bahn-Stationen Redfern und Erskineville entfernt und bestand aus insgesamt drei Stockwerken mit einer kleinen Terrasse mit BBQ und Sitzmöglichkeit. Das Haus befand sich in einem Komplex mehrerer Häuser, sodass man vorher noch durch ein Tor auf das Gelände selbst musste. Dadurch war es auch nicht freistehend, stattdessen sehr länglich gebaut, was den oben genannten Sporteinheiten für Billy und mich aber zu Gute kam.

Küche und Essbereich des Hauses in Sydney
Kleine Terrasse mit BBQ und Billy
Wohn- und Couchbereich
Das Gästezimmer, indem ich geschlafen habe

Im Erdgeschoss befand sich ein Essbereich mit Küche, die wirklich keine Wünsche offen ließ und eine große Couch mit Fernseher, im ersten Stockwerk war das Schlafzimmer der Herrchen mit Ensuite-Bad (während meines Aufenthalts das Spielzimmer der Katzen), ein Arbeitszimmer und ein Waschzimmer und im zweiten Stock gab es zwei Gästezimmer und ein zweites Bad mit geräumiger Dusche. Außerdem gehörte dazu noch ein Tiefgaragen-Stellplatz, den ich auch nutzen konnte, da James und Graham für die Weihnachts-/Silvesterzeit mit ihrem Auto und Wohnwagen auf einen Camping-Trip aufgebrochen waren. Durch eine Verkaufsanzeige des Hauses weiß ich mittlerweile, dass ich damit auf 270 Quadratmetern rund 40 Minuten vom Opera House entfernt mit einem Wert von 2,5 Millionen australischen Dollarn leben durfte – etwas wo ich eine gewisse Skepsis habe, ob ich das aus eigener Tasche je erreichen werde. Mal ganz davon abgesehen, ob ich das überhaupt wollen würde.

Ein Anker in Sydney

Für die Beiden war ich damals der erste fremde Housesitter über die Plattform, sodass sie hier noch ein bisschen verhaltener als Kevin und Anita waren: Nach einem Videocall, für den ich mir ein ruhiges Plätzchen im botanischen Garten von Sydney gesucht hatte, verbrachte ich eine Tag-/Nacht-Routine mit den beiden, wo sie mir alles zeigten, das gleichzeitig aber auch nutzten, um mich etwas kennenzulernen. Und auf welche australische Art würde das eher gehen als ein typisches BBQ, zu dem ich vorher im Hostel einen klassischen deutsch-polnischen Kartoffelsalat gemacht hatte.

Jeder Mensch ist anders, aber ich glaube so insgesamt hat dieses „umfangreichere“ Kennenlernen auch dafür gesorgt, dass wir im Gegensatz zu Kevin und Anita auch zwei Jahre später immer noch Kontakt zueinander haben. Ende Januar, bevor ich spontan das Working Holiday abgebrochen habe (dazu unten mehr), war ich bei ihnen noch zum Australia Day-Feiertag zu Besuch und wir haben auf der Sackgasse vor dem Gebäudekomplex Cricket gespielt und auch bei meinen weiteren Aufenthalten in Sydney bin ich immer mal wieder bei ihnen vorbeigekommen. Manchmal zum Übernachten, oft aber auch einfach nur um sich mal wiederzusehen.

Und auch wenn diese Freundschaft gefühlt ein bisschen oberflächlich sein mag (was aber auch etwas Australisches sein mag), weiß ich ihre Gastfreundschaft und Herzlichkeit jedes Mal aufs Neue sehr zu schätzen. Und wo sie mir gerade (Dezember 2025) geschrieben haben, dass sie 2026 an die Gold Coast ziehen werden, finde ich es sehr schade, diesen kleinen Anker in Sydney zu verlieren – auf der anderen Seite wird es ein Grund sein, mal wieder Halt an der Gold Coast zu machen. Denn ich habe Billy und Maddy während der drei Wochen schon sehr in mein Herz geschlossen und freue mich jedes Mal, sie wiederzusehen. Und die währenddessen in den Katzenhimmel aufgestiegene Ashley wird auch immer Teil meines Herzens bleiben…

Einschub: Zwei Katzen in Hamburg

Weil es hier zum Thema passt und keinen separaten Blogeintrag wert ist, möchte ich auch noch von meinem dritten Housesit erzählen, welcher in Hamburg stattgefunden hat. Dort habe ich nämlich im März desselben Jahres eine Woche lang auf die beiden vier Jahre alten Katzen Leo und June aufgepasst. Wer jetzt denken mag, dass es das Konzept von Housesitting auch in Deutschland gibt – ja, aber gibt es viel weniger Gesuche nach Housesittern für verhältnismäßig deutlich mehr Einwohner. Außerdem hatte Anaïs, das Frauchen der beiden Kater, französische Wurzeln, daher zählt das jetzt nicht unbedingt als „in Deutschland“ finde ich.

Leo (links) und June (rechts)

Leo (rechts) und June (links)

Leo und June waren beide auf ihre Art und Weise besonders in dem Sinne, dass sie sehr verfressen waren und das Essen selbst auf den ganzen Tag über auf vier bis sechs Portionen rationiert werden musste. Die Katzen verlangten eine besondere Handhabe mit allem, was essbar war – so musste ich die Schälchen mit dem Essen bei geschlossener Küchentür vorbereiten und insbesondere bei Leo dafür sorgen, dass er nach der „Inhalation“ seiner Portion nicht auch June aus ihrer Schale verdrängte.

Da stellt sich jemand aber ganz unschuldig
Sonne tanken

Was ich auf sehr direktem Weg auch lernen musste, ist, dass insbesondere Leo für wirklich jede Form von Essen zu haben ist: An einem der ersten Tage hatte ich mir Spaghetti Bolognese gemacht und mich damit auf die Couch gesetzt – und noch ehe ich mich umsehen konnte, befand sich schon eine Pfote in meinem Teller und ein Teil der fettigen Bolognese auf meiner Laptoptasche, auf der sich Leo damit für alle Zeit verewigt hatte. Mit der Zeit fand ich aber heraus, dass ich mich in etwa zehn Minuten nach der Mahlzeit der Katzen auch mit meinem Teller in denselben Raum bewegen konnte, ohne Angst um mein Essen haben zu müssen.

Ich fand diese Schlafposition so lustig - aber scheint bequem gewesen zu sein :D

Ich fand diese Schlafposition so lustig - aber scheint bequem gewesen zu sein 😀

Im Gegensatz zu den beiden Häusern in Australien war das Zuhause von Leo und June eine kleine, unspannende 40 Quadratmeter-Wohnung mit Balkon unweit der S-Bahn-Haltestelle Bahrenfeld. Sie war eine zweckmäßig eingerichtete Studentenwohnung, in welcher ich aber trotzdem gerne meine Zeit verbrachte, vor allem weil Hamburg zu meinen Lieblingsstädten in Deutschland zählt und die Elbe sogar fußläufig von dort erreichbar war.

Hamburg ❤️

Flucht nach Deutschland

Erzählerisch wieder zurück in Sydney hatte ich insgesamt zwei Monate von Ende November bis Ende Januar in der Metropolenstadt verbracht. Neben bereits erwähnten Hosteln für die ersten drei Wochen und dem Housesit für weitere drei Wochen hatte ich auch noch eine zunächst temporär geplante WG in Banksia gefunden, in der ich die Zeit bis zum doch eher unerwarteten Ende verbracht habe.

Zu dem Abbruch führten verschiedene Dinge, die man irgendwo als Quarter- oder Mid-Life-Crisis bezeichnen könnte, von denen ich auch gar nicht auf alle hier eingehen möchte, die aber mehr oder minder alle in meinem Kopf stattgefunden haben. Sicher essentiell für das Ende des Working Holidays war meine Job-Situation: Nach der Zeit auf der Erdbeerfarm wollte ich in der Zivilisation angekommen nun einer Tätigkeit nachgehen, die mich im Leben irgendwo weiterbrachte oder die auch nicht unbedingt den klassischen Working Holiday-Jobs entsprach. Versuche in der Fliegerei scheiterten ohne dauerhafte Aufenthaltserlaubnis und auch in der IT fand ich keine Arbeit. Im Nachhinein durchaus logisch, ich war dafür einfach mit dem falschen Visum vor Ort, aber das war für mich eine komplett neue Situation, da ich in Deutschland bekanntlich nie vorher durch irgendeine Form von Regularien oder Arbeitserlaubnis eingeschränkt war.

Außerdem hatte ich mir nach meiner ersten Flugstunde an der Gold Coast zu stark in den Kopf gesetzt, schon demnächst die finanziellen Mittel für eine Privatpilotenlizenz zusammensammeln zu wollen, sodass mein Fokus noch stärker auf dem Thema Arbeit lag, was ein bisschen ein Teufelskreis war, aus dem ich es eben nur auf die radikale Art wieder herausschaffte. Gleichzeitig war mir Sydney als Stadt mit meinen wechselnden Unterkünften so groß und so anonym, sodass ich mich in Verbindung mit alledem nicht nur irgendwie hilflos, fehl am Platz, sondern auch noch einsam fühlte, was weder die Hostel noch die WG am Ende ändern konnten, in erster Linie auch, weil ich es gar nicht zuließ.

Ohne Arbeit war ich in der Zeit aber trotzdem nicht: Zum einen hatte ich mich auf Uber Eats angemeldet und verteilte in den luxuriösen Regionen im Norden von Sydney, also um Dee Why und Mona Vale Essen mit meinem Auto (ich hinterfrage beim Schreiben zwei Jahre später gerade, warum der Job im Kontrast zu meinen Gedanken zwei Absätze weiter oben in Ordnung war), was jetzt aber keine Arbeit war, die irgendwie groß tiefere soziale Kontakte verlangte oder ermöglichte. Auf der anderen Seite hatte mir der Manager der Erdbeerfarm den Kontakt zu Nik, dem Programmierer der auf der Farm verwendeten Software zum Aufzeichnen von Arbeitsstunden, gepflückten und gepackten Erdbeeren vermittelt und nachdem wir uns einmal in Brisbane getroffen hatten, konnte ich für ihn zumindest drei Tage die Woche arbeiten und in C# und Blazor meine ersten australischen Programmier-Erfahrungen sammeln. Da das aber eine Ein-Mann-Show (bzw. dann eine Anderthalb-Mann-Show) war und ich das im Homeoffice von Sydney aus mit freier Zeiteinteilung machen konnte, führte das nicht wirklich zu einer Routine oder einem sozialen Umfeld, welches mich aus oben besagtem Teufelskreis hätte rausbringen können, sodass ich die Zeit in Sydney hätte genießen können.

Auf einmal konnte ich mich weit weg von der Erdbeerfarm für die Arbeit dort einstempeln...

Auf einmal konnte ich mich weit weg von der Erdbeerfarm für die Arbeit dort einstempeln...

Daher wachte ich an einem Montag Morgen Ende Januar nach einer weiteren sehr beschaulichen Nacht auf und während ich aus meinem unweit vom Flughafen gelegenen WG-Zimmer die Triebwerke eines A380 starten hören konnte, überkam mich die Idee, dass es so nicht weitergehen könne und was wäre, wenn ich jetzt einfach einen Flug nach Hause buche und das ganze Working Holiday abbreche. Und während ich mit Nik den regelmäßigen Montags-Call durchführte, stöberte ich parallel eigentlich auf Google Flights nach Flügen nach Deutschland – und rund zwei Stunden nach der Idee buchte ich für fünf Tage später meinen Flug nach Hause. Und ich entschied mich dabei ganz bewusst auch noch dafür, das Stück von Singapur nach Frankfurt am Main mit der Lufthansa zu fliegen – einer Airline, die ich im internationalen Vergleich so ungerne fliege, dass das irgendwie schon sehr aussagt, wie schlecht es mir ging. Aber ich dachte, es würde mir dabei helfen, nach 11 Monaten in Australien und Asien wieder auf Deutschland eingestimmt zu werden…

Die (vorerst) letzten Tage in Australien

Nachdem diese Entscheidung gefallen und der Flug gebucht war, warf mich das aus dem Teufelskreis hinaus und ich nahm mir vor, die letzten Tage in Australien noch ein wenig zu genießen. Daher beendete ich alles, was irgendwie mit Arbeiten zu tun hatte und buchte mir unter anderem drei Surfstunden am Bondi Beach, die nach einer „freien Erfahrung“ in Portugal und einer ersten Surfstunde in Byron Bay meine Stunden 2, 3 und 4 waren. Schon in der ersten der drei Stunden gelang es mir, das erste Mal zumindest für ein paar Sekunden auf dem Board zu Stehen und selbst jetzt knapp zwei Jahre später bin ich immer noch sehr stolz auf dieses kleine Achievement – insbesondere auch, weil es etwas ist, dass ich ab da bei jeder weiteren, gefühlt vierteljährlich stattfindenden Surfstunde ebenfalls vollbracht habe. Ab dort habe ich auch so ziemlich jede Chance am Meer auf dieser Welt genutzt, um mir – immer im Beisein eines Instruktors – ein Surfboard zu schnappen. Und so habe ich glaube ich das erste Mal im Erwachsenenalter eine auch anspruchsvolle Sportart gefunden, die mir Spaß macht – wenn man bedenkt, wie sehr ich Sport in der Schule verachtet habe, ist auch das erwähnenswert…

Um mein Auto musste ich mich auch noch kümmern - da jenes aber niemand kaufen wollte, endete es beim Schrotthändler, genauso wie mein erstes Auto in Deutschland

Um mein Auto musste ich mich auch noch kümmern - da jenes aber niemand kaufen wollte, endete es beim Schrotthändler, genauso wie mein erstes Auto in Deutschland

Auch in die Höhe ging es während meiner letzten Tage in Sydney, denn ich hatte mir den Climb über die Harbour Bridge gebucht. Wie genau ich darauf kam, weiß ich so genau gar nicht mehr, ein bisschen wollte ich mich dort auf jeden Fall meiner Höhenangst stellen. Viel zu stellen gab es aber nicht, denn auch wenn die Brücke 134 Meter hoch ist, war man beim Auf- und Abstieg nie wirklich an der Kante und hatte dort keinen wirklich direkten Blick nach unten. Lediglich beim Überqueren der Brücke von der einen auf die andere Seite musste man über ein Gitter gehen und ich weiß noch, dass ich da ganz bewusst nach unten geschaut habe und den 85 Meter tiefen Blick auf den Bradfield Highway und Bahngleise verinnerlicht habe.

Das Ganze war mit $344/195€ nicht ganz günstig, aber bei dem wunderschönen blauen Himmel wurde man mit einer atemberaubenden Aussicht auf Sydney belohnt und erfuhr gleichzeitig auch noch einiges zur Brücke und Umgebung. Denn selbstverständlich konnte man da nicht alleine hoch, sondern in einer geführten Tour einer nach dem anderen mit einem Guide. Jeder Teilnehmer musste einen Ganzkörperanzug anziehen und wurde mehrfach abgesichert, sodass man weder selbst noch irgendetwas anderes hätte runterfallen können.

Mein WG-Zimmer, sogar mit Schreibtisch und zweitem Monitor

Mein WG-Zimmer, sogar mit Schreibtisch und zweitem Monitor

Darüber hinaus habe ich aber auch frei von allen Sorgen insgesamt mehr während der Woche unternommen, wie mich mit Max, einem der WG-Mitbewohner viel unterhalten und mit ihm Essen gegangen. Dann hatte ich mich noch mit einigen Leuten vom Erdbeerfarm-Hostel in Sydney getroffen, teilweise auch in meinem Haus zu einem vorweihnachtlichen BBQ, war wie oben schon erwähnt später nochmal bei James und Graham zu Besuch für den Australia Day zum BBQ und Cricket spielen. Dort hatte James außerdem auch angeboten, mich zum Flughafen zu bringen, was ich schon sehr lieb fand und den Anker nochmal hervorhebt. Die beiden waren auch sehr erstaunt und verwirrt über meinen spontanen Abbruch genauso wie meine Mutter, was sie mir aber erst irgendwann später erzählte.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass ich auch in den Wochen davor ein bisschen was unternommen habe, zum Beispiel war ich mit Alex, den ich im Rahmen der Erdbeerfarm kennengelernt hatte und der mich in Sydney besucht hatte, im Australian Museum, auch bekam ich via Facebook irgendwann durch Zufall mit, dass der polnische Comedian Cezary Pazura in Sydney war und da ich ihn aus meiner Kindheit durch die nicht unbedingt jugendfreie polnische Serie 13 posterunek kannte, organisierte ich mir ein Ticket für seinen Auftritt.

Cezary Pazura live in Sydney

Cezary Pazura live in Sydney

Auch beim Tag der offenen Tür des Sydney N Scale Model Railway Club war ich mal zu Besuch und natürlich nutzte ich die Zivilisation zum Erwerb einiger deutscher und polnischer Lebensmittel. Dies umfasste auch Weihnachten, welches das erste Weihnachten nicht zu Hause bei meinen Eltern darstellte und welches ich daher versuchte, möglichst nah daran heranzuführen – und weil das im Jahr davor aus verschiedenen Gründen ein in meiner Vorstellung „perfektes“ Weihnachten war. So entstand in der großen Küche bei den Katzen alles an polnischen Weihnachts-Leckereien, von Uszka mit Barszcz, Bigos, dem alljährlichen Gemüsesalat (auch als „russischer Salat“ bekannt) und sogar panierte Fischhäppchen.

Selbstverständlich ließ ich mir auch das Silvester-Feuerwerk an der Harbour Bridge nicht entgehen. Da ging es mir schon nicht so gut und ich hatte zwischendurch auch überlegt, einfach gar nicht hinzugehen – am Ende habe ich es mir doch angeschaut und was alleine geplant war, endete damit, dass ich am Ballast Point Park abseits der Hauptmassen ein paar Leute kennenlernte und die Zeit bis zum Start des Feuerwerks mit denen verbrachte. Abseits davon war es cool, das Ganze einmal gesehen und erlebt zu haben, es war bei den unbeschreiblich vielen Menschenmassen in Sydney auch echt alles ziemlich gut organisiert, aber ganz unbedingt müsste ich mir das nicht noch einmal anschauen, außer mit den richtigen Leuten natürlich.

Das Silvester-Feuerwerk

Das Silvester-Feuerwerk

Bereut habe ich die Entscheidung, das Working Holiday abzubrechen nicht. Weder die letzten Tage vor Ort, auch nicht im Flugzeug selbst, als wir langsam aufstiegen und Sydney unter der dicken Wolkendecke verschwand, und ebenso nicht Tage, Wochen oder gar jetzt Jahre später. Ein kleines bisschen wehmütig war ich lediglich im März knapp zwei Monate später, als ich in Deutschland sitzend das Formel 1-Rennen aus Melbourne verfolgte, wo ich mir Tickets für Freitag und Samstag erworben hatte. Rückblickend wünschte ich mir zwar, dass ich in der Lage gewesen wäre, mehr aus diesem Abschnitt meines Lebens zu machen und frei durch Australien herumzureisen, hier mal zu bleiben, da mal zu arbeiten – etwas, was ich jetzt Ende 2025 sehr gerne machen würde, aber aufgrund der Langzeit-Visa-Situation erst in ein paar Jahren kann, wenn überhaupt – aber es ist auch eine festzuhaltende Erkenntnis, dass ich dazu Anfang 2024 seelisch einfach nicht in der Lage war…

Die einzige Sache, die ich auf dem Heimflug bereut habe, war es einen Flug mit der Lufthansa gebucht zu haben, nämlich in genau dem Moment, als ich auf meinem Platz in der uralten Kabine der 747-8 saß und die englische, mit deutschem Akzent untermalte, lustlose Boarding-Ansage der Purserin hörte. Aber immerhin konnte ich beim Aussteigen einmal in der 747 kurz nach oben gehen und einen Blick ins Cockpit werfen, wo mich der First Officer auch auf dem Kapitänssitz Platz nehmen ließ – etwas, wodurch ich den Flug und den Kultur- und Kälteschock in Deutschland dann doch wieder schön in Erinnerung behielt…

Probesitzen in einer B747-8

Probesitzen in einer B747-8
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