Drei Tage Melbourne: Wenn ein Layover zum Heimatbesuch wird

Der aktuell obligatorische Chronologie-Einwurf auch an dieser Stelle, dass der Layover in Melbourne im Mai 2024 stattgefunden hat. Den ersten Teil des Blogeintrags bis zum Ende des Vorstelllungsgesprächs habe ich auch relativ kurz danach im Anschluss verfasst, während die Verschriftlichung der Sightseeing-Elemente ab der Great Ocean Road erst im April 2026 geschah. Mein Zukunfts-Ich freut sich jetzt schon darauf, wenn ich mit den Einträgen nicht mehr knapp zwei Jahre zurück liege – wann auch immer das sein wird…

Den Layover in meinem Flugbegleiter-Dasein, um den es in diesem Blogeintrag geht, könnte man wahlweise als kompletten Zufall bezeichnen – oder als mehr als nur Schicksal. Nachdem ich Ende Januar 2024 etwas ungeplant Sydney und Australien trotz zweitem Working Holiday-Visum verlassen hatte, hatte ich zurück in Deutschland wieder mit dem Fliegen in der Kabine angefangen. Dieses Mal führte mich der Weg aber nicht in die Linien-, sondern die Charter-Fliegerei und nach zwei Abenteuern in Dakar und Kingston in genau das Land, welchem ich vier Monate zuvor noch den Rücken gekehrt hatte – nach Australien.

Bereits als ich für meinen ersten Einweisungs-Flug – den sogenannten Familiarization-Flug – wenige Tage nach der Schulung die Büroräume meiner neuen Firma betreten hatte, bekam ich Wind von einem geplanten Flug nach Melbourne. Dies spitzte natürlich sofort meine Ohren und ließ in mir sehr zügig den Wunsch und Traum aufblühen, Teil der Crew zum australischen Kontinent zu sein. Und so kam es dann zwei Monate später auch, als wir Ende Mai in Dubai einen Crew-Tausch machten und ich langsam realisierte, dass ich dieses gerade betretene Flugzeug erst wieder in Down Under verlassen würde. Denn wir flogen eine britische Fußballmannschaft für zwei Freundschaftsspiele in die Hauptstadt Victorias, jedoch war die Strecke London-Melbourne mit einer Gesamtflugzeit von rund 21 Stunden für eine Crew zu lang, sodass zwei Besatzungen von Nöten waren: Eine flog das erste Teilstück von London bis nach Dubai und wartete dort wieder auf den Rückflug, während sich die zweite in rund 14 Stunden Flugzeit bis nach Australien stürzte.

Der Flug

Der Flug an sich war weitestgehend entspannt. Der Flieger war nur zu rund einem Drittel belegt und die spezielle Nahrungsweise der Top-Athleten hatte zur Folge, dass das Catering sehr umfangreich und sehr gut organisiert worden war. Es gab alles, was nötig war, um einen Service auf VIP-Niveau anbieten zu können: Insgesamt wurden die Gäste während der langen Gesamtflugzeit mit vier Haupt-Mahlzeiten und einigen Snacks verwöhnt. Wir mussten hin und wieder zwar einiges an Equipment in all den Trolleys und Staufächern suchen, aber insgesamt machte mir diese Form des Service unfassbar viel Spaß.

Mit dem A380 ging es von Düsseldorf nach Dubai
An Bord des Fluges gab es neben Essen auch einen F1-Livestream

Dennoch darf man nicht darüber hinwegsehen, dass sich ein solcher 14 Stunden-Flug ziehen kann, wie Kaugummi – was auf dem Hinflug auch der Fall war. Dennoch haben wir das Beste draus gemacht und uns in der Kabine genauso beschäftigt wie im Cockpit. Einen Besuch in letzterem konnte ich mir natürlich nicht nehmen, als wir die Funkfrequenz auf Melbourne Center wechselten und eine Controllerin mit übelstem australischem Dialekt zu hören war. Interessanterweise begann der Luftraum von Melbourne Center schon ein ganzes Stück, bevor wir den australischen Kontinent betraten, was ich mir ebenfalls nicht als Besuchszeitpunkt im Cockpit entgehen ließ.

Im Luxus-Terminal in Dubai (DWC) standen verschiedene Fahrzeuge, unter anderem ein F1-Auto
So viel Obst auf einmal habe ich in einem Flugzeug noch nie gesehen

Insgesamt war ich auf dem ganzen Flug noch weniger aus der Ruhe zu bringen als sonst, denn ich ließ wirklich jeden (meist leider künstlich geschaffenen) Stress mit dem folgenden Gedanken an mir vorbeiziehen: „Es ist mir egal, denn wir fliegen gerade nach Australien.“ (Oder in kurz mit der australischen Mentalität: „No worries, mate.“) Diese Methodik wurde während der Flugzeit daher auch glaub ich zum von mir am häufigsten ausgesprochenen Satz, da ich mit dieser Denkweise auch versuchte, im restlichen Teil der Crew eine gewisse Ruhe einzubringen – mit mehr oder weniger Erfolg.

Das Ankommen

Mit einer leichten Verspätung kamen wir am frühen Morgen im etwas stärker bewölkten Melbourne an und als ich auf dem Weg zur Parkposition vom Jumpseat 4R zum ersten Mal Flugzeuge mit Jetstar- oder Virgin Australia-Lackierung erblicken konnte, kam ein erster Schauer an Gänsehaut über meinen Körper – und es sollte definitiv nicht der letzte werden.

Das Deboarding zog sich dann ein bisschen hin, doch irgendwann waren alle Gäste draußen und auch wir durften endlich das Flugzeug verlassen und den australischen Kontinent betreten. Einer Kollegin fiel beim Anblick von mir auf dem Weg durch den Flughafen sehr schnell ein polnisches Sprichwort ein, denn in meinem Gesicht war fast wortwörtlich eine Banane vorzufinden – so sehr musste ich grinsen, als ich langsam zu realisieren anfing, wo ich gerade wirklich war. Und das wurde beim Anblick des ersten Flugzeuges mit Qantas-Schriftzug, „Spirit of Australia“-Slogan und Känguru-Logo definitiv nicht schwächer.

Ein paar sentimentale Momente durften dabei selbstverständlich auch nicht fehlen: Denn da der Melbourne Airport nur ein Terminal für internationale Abflüge und Ankünfte hat und das Work and Travel in Australien ebenfalls in Melbourne anfing, führte uns der Weg vom Flugzeug durch die Einreise – die „aus Gründen“ der Unfähigkeit ein bisschen länger dauerte, als geplant – bis zum Crewbus an jenem Tag an diversen Stellen vorbei, an denen es etwas mehr als ein Jahr zuvor in das Abenteuer Down Under ging.

Erstes australisches Sonnenlicht
The Flying Kangaroo

Die Tränen in mir zu halten wurde aber noch schwieriger, als wir vor dem Gebäude in den Crewbus einstiegen und ich all die Bilder und Erinnerungen von einem Jahr zuvor auf mich einwirken ließ: Sei es der erste Flug mit Qantas, dort die Begegnung mit einem deutschen Flugbegleiter an Bord, die Einreise mit einer Border Patrol-ähnlichen Hundespürhund-Szene, das Ankommen und erste Zurechtfinden in Australien mit SIM-Karte, Tax File Number und Bankkonto, Melbourne an sich, aber auch der Weiterflug nach Brisbane zwei Wochen später, wo es beim ersten Housesit rund drei Wochen zur Aufgabe wurde, auf den zuckersüßen, aber etwas anstrengenden Labrador Ava aufzupassen.

Auf den nun folgenden 45 Minuten Fahrzeit bis zu unserem Hotel über den Motorway und durch die Stadt half mir anschließend Jason dabei, nicht wirklich komplett ins Weinen auszubrechen. Jason war der Fahrer des Crewbusses und ein Aussie, wie man ihn sich nur vorstellen konnte: Nicht nur durch seinen australischen Dialekt, sondern auch und insbesondere durch seine Offenheit und seine Herzlichkeit. Denn während wirklich ausnahmslos alle 100% an Crewbus-Fahrern, mit denen ich in meiner über sechs Jahre langen fliegerischen Karriere bisher irgendwo herumgegurkt bin, komplett schweigsam waren, hieß uns Jason in Australien willkommen, wie es schöner nicht hätte sein können: Die ganze Busfahrt über erzählte er ohne Pause von allem, was ihm zu dem Kontinent einfiel. Dazu gehörten Must-Visits und Ausflugsideen in und um Melbourne, typische Wörter und kulturelle Besonderheiten in Australien im Allgemeinen und Melbourne im Speziellen und das ein oder andere über die „ach so gefährliche“ Tierwelt genauso wie über alle international bekannten australischen Promis. Als wir durch die Innenstadt fuhren, gab er uns eine kleine Sightseeing-Tour und selbstverständlich durfte auch die Sydney-Melbourne-„Freundschaft“ nicht unerwähnt bleiben.

Damit sorgte Jason dafür, dass die ganze Busfahrt für mich eine schmale Gratwanderung zwischen der grinsenden Banane und einem heulenden Etwas war. Und auch dafür, dass ich mich am Ende der Fahrt bei ihm für dieses herzliche Willkommen heißen und irgendwo auch ablenken bedanken und ihn einmal drücken musste. Dank ihm blieb der von mir erwartete Heulanfall aus – zumindest vorerst.

Auf kleiner Nebenmission

Als wir am Hotel ankamen, fühlte ich mich kurz, als hätte ich diesen ganzen Ausflug selbst geplant: Denn unsere Unterkunft der nächsten Tage war nicht irgendwo in Melbourne, sondern an der meiner Meinung nach besten Location in der Stadt – direkt gegenüber dem Albert Park. Nicht nur ist dieser einer von unzähligen sehr schönen Parkanlagen Melbournes und Australiens und ist dort fußläufig mit St. Kilda eines meiner Lieblingsviertel der Stadt erreichbar, sondern findet dort auch jedes Jahr der Große Preis von Australien der Formel 1 statt. Somit lud der Park zwei Monate nach dem Rennen im Jahr 2024 zum Spazierengehen ein, was ich mir am selben Abend auch nicht nehmen ließ – aber vorher hatte ich noch eine kleine Aufgabe vor mir.

Skyline von Melbourne
Ausblick aus dem Zimmer auf den Albert Park

Da ich während des Nachtfluges von Dubai nach Melbourne nicht zu wirklich viel Schlaf kam, übersprang ich als einziger das extra vom Hotel später als üblich für uns angebotene Frühstück und hüpfte in meinem Zimmer mit Aussicht auf die Kurve 13 der Rennstrecke zunächst einmal direkt unter die Dusche und anschließend ins Bett. Ich wollte meinem Körper ein paar Stunden Schlaf gönnen, ehe ich mich ein Stück südlich vom Yarra River zu einer Firma begab, um mich dort einmal persönlich als womöglich potentieller Mitarbeiter in der Zukunft vorzustellen. Hierbei handelte es sich um die Reiseagentur Luxury Escapes, auf die ich bereits ein halbes Jahr zuvor gestoßen bin, als ich nach Entwickler-Jobs während meines Work and Travel gesucht hatte. Ich hatte mich dort online beworben, aber keine positive Rückmeldung erhalten und wollte damals die Zeit in Sydney dazu nutzen, um mal auf direktem Wege im Büro Hallo zu sagen. Insbesondere mit meinem Visa-Handicap ohne dauerhafte Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis, aber auch grundsätzlich, stellte diese Methodik zusammen mit Connections zumindest vom Hörensagen die deutlich effektivere Form der Arbeitssuche in Australien dar als irgendwelche Online-Bewerbungen.

Am Ende hatte ich mich in Sydney nicht dazu getraut, aber bei der konkreteren Planung des Melbourne-Umlaufs kam mir die Firma wieder in den Sinn und ich stellte fest, dass deren Hauptsitz gar nicht in Sydney, sondern in Melbourne war, sodass ich mir dachte, diese Chance nutzen zu müssen – insbesondere auch, da ich immer noch ein gültiges Working Holiday Visum hatte. Mit zwei neu gestalteten und auf hochwertigem Papier ausgedruckten Lebensläufen in einer zeitlosen transparenten und vermutlich richtig deutsch wirkenden Mappe begab ich mich also etwas ausgeschlafen und in Hemd und Wintermantel eingepackt (in Melbourne ist Ende Mai ja eher herbstliches Wetter angesagt) zum Büro in Melbourne. Vorher – aber schon einmal am richtigen Gebäude vorbeigegangen – machte ich noch einen kleinen Halt beim Woolies in der Nähe und holte mir eine Sandwich-Ecke, eine Banane und eine Cola als Nachmittags-Snack. Die Sandwiches verspeiste ich auf einer Bank in der Nähe, ehe ich mich dann wirklich überwinden konnte und in das Bürogebäude begab.

Da im gläsern gehaltenen Empfangsbereich bei meinem nun zweiten Vorbeischauen niemand war, ging ich gleich zum Fahrstuhl, dessen Bedien-Touchscreen die Wahl des richtigen Stockwerks einfach machte: Man konnte nämlich gar nicht das Stockwerk selbst auswählen, sondern nur die Firma, zu der man wollte. Und auch wenn im Gebäude mehrere Firmen ansässig waren, war Luxury Escapes eine der beiden einzigen auswählbaren (für die sonstigen Stockwerke hätte man eine entsprechende Chipkarte benötigt).

In den Tagen vor dem Flug nach Melbourne und selbstverständlich auch an jenem Dienstag auf dem Weg dorthin hat sich mein Kopf – wie er eben so ist – vor lauter Nervosität diverse Szenarien ausgemalt, wie ich dann am Ende in dem Büro zu irgendeiner Person kommen würde, die mir bei meiner Mission helfen könnte – der Fall, der am Ende eingetreten ist, war jedoch nicht dabei: Im vierten Stock angekommen traf ich erst auf die mir bereits von LinkedIn bekannte grüne Wand mit dem Logo der Firma, eine Couch mit zwei Sesseln und Couchtisch – und das war’s. Na wobei, nicht ganz: Es gab auch noch ein Tablet analog zum Fahrstuhl-Touchscreen, auf welchem man sich mit eigenem Namen und Firma anmelden konnte. Da die Firma aber ein Pflichtfeld war und ich in dem Sinne keine Firma hatte, entschied ich für mich, dass jenes Tablet an diesem Tag nicht mein Weg zum Ziel sein sollte. Also setzte ich mich auf die Couch, die von zwei Glastüren rechts und links sowie weiteren Glaswänden umgeben war und einen Blick in die relativ leeren Büroräume ermöglichte. Und wartete darauf, was passierte.

Meine kleine Side-Quest

Wie bestellt und nicht abgeholt im Empfangsbereich sitzend kam hin und wieder eine Person aus einer der beiden Glastüren und ging in Richtung Aufzug. Da mich bis auf die erste auch alle ganz freundlich grüßten, gab mir das ein wenig die Sicherheit, zwei jüngere Damen auf dem umgekehrten Weg in Richtung Büro anzusprechen. Ich erklärte ihnen kurz den Grund meines Besuchs und dass ich auf der Suche nach Ben war, dessen Position auf LinkedIn als „Head of Talent“ betitelt wurde und bei dem ich mich gerne persönlich vorstellen wollte. Während die beiden daraufhin zunächst vorschlugen, dass ich doch eher online im Voraus in Kontakt treten sollte, schien sie meine ehrliche Antwort, dass ich das bereits versucht hatte, insofern zu überzeugen, als dass sie meinten, sie würden mal schauen, was sie tun könnten. Und so verschwanden beide in der rechten Glastür und ich beobachtete wieder auf der Couch sitzend das Treiben hinter den Glaswänden, wie sie mit der ein oder anderen Person redeten.

Irgendwann verlor ich die beiden aus meinem Sichtfeld – dafür kam auf einmal Ben aus der nun linken Glastür. Ich war und bin mir bis heute nicht ganz sicher, ob die beiden Damen da jetzt wirklich was mit zu tun hatten oder es mehr Zufall war, auf jeden Fall war ich in dem Moment irgendwie glücklich, denn ich war weiter als ich gedacht hatte.

Ben konnte mich noch nicht genau zuordnen, schüttelte mir aber begrüßend die Hand und lud mich ein, auf der Couch zu warten, während er die Person holen würde, mit der ich hätte treffen wollen. Ehe mein Kopf die Bedeutung dieser Aussage übersetzt und verarbeitet hatte, war Ben wieder hinter der Glastür verschwunden. Nach rund fünf Minuten kam er jedoch zurück und fragte mich – augenscheinlich etwas verwirrt – nach meinem Nachnamen, was ich dann nutzte, um die Verwirrung etwas aufzuklären und ihm meinen Besuchsgrund kurz darzulegen. Für mehr war an diesem Dienstag dann auch keine Zeit mehr, denn er musste los, um seine Kinder abzuholen. Aber wir verabredeten uns für Donnerstag, wo er dann etwas mehr Zeit hatte und ich war sehr froh, dass ich am Dienstag ziemlich direkt nach Ankunft in Melbourne trotz Übermüdung in das Büro gefahren bin – wer weiß, ob wenn ich am Mittwoch dort aufgeschlagen wäre, sich noch zeitnah ein Termin ergeben hätte. Außerdem hatte ich so den ersten Schritt hinter mir und konnte ihn vor allem nicht mehr vor mir aufschieben.

Nach diesem kurzen Aufenthalt im Gebäude, bei dem ich rückblickend aber jedes Zeitgefühl verloren hatte, machte ich mich wieder strahlend wie eine Banane auf den Weg zum Yarra River, wo ich ein wenig durch das herbstliche Melbourne stiefelte, den Sonnenuntergang genoss und mich abends noch mit Gustavo und Miguel zum Abendessen traf, welches damit auch einer kleinen Erdbeerfarm-Reunion gleichkam.

Flinders St, Melbourne CBD
Herbst ist ein mir über die letzten Jahre weitestgehend unbekannte Konzept geworden

Auch wenn es nun ein wenig die Chronologie bricht, möchte ich an dieser Stelle noch kurz vom Besuch am Donnerstag erzählen: In einem knapp halbstündigen Gespräch am eher leeren Homeoffice-Tag hatte ich die Chance, mich und meinen aktuellen Lebensstand kurz vorzustellen und mich eigentlich relativ gut zu verkaufen. Nach dem ersten Teil des Gesprächs war ich nicht ganz zufrieden damit, denn er hatte mein Profil auf deren Bewerbungsplattform und mein LinkedIn-Profil bereits zur Vorbereitung gefunden, welches wir dann ein wenig durchgingen in Verbindung damit, was wir jeweils suchen und dem anderen bieten könnten.

Irgendwie fehlte mir, als das Gespräch zu einem Ende kommen zu schien, aber irgendetwas, womit ich einen merklichen Eindruck hinterlassen hatte, sodass ich ihn kurzerhand fragte, ob er denn Formel 1-Fan sei. Seine bejahende Antwort spielte mir dabei ein wenig in die Karten, denn so konnte ich ihm meine Formel 1-App PitlaneOne zeigen, wodurch er nun auch wirklich eine praktische Arbeit von mir gesehen hatte. Der Fakt, dass er dabei hervorhob, wie wichtig es ist zu sehen, dass Leute auch in solche Hobby-Projekte ein hohes Maß an Leidenschaft stecken, gab mir nun doch das Gefühl, einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben.

Letztendlich war Ben nicht für das IT-Recruiting zuständig, er hatte mir aber zugesagt, mein Erscheinen und mein aktualisiertes Profil an die entsprechende in Sydney sitzende Person weiterzuleiten, wo ich dann noch ein wenig auf eine Rückmeldung warten musste – woraus sich dann am Ende leider nichts ergab. Dennoch war ich froh, den Schritt rein ins Büro gegangen zu sein und wer weiß, was mir das in ein paar Jahren womöglich bringen wird…

Ein Stück Great Ocean Road

Am ersten vollen Tag in Melbourne ging es – ausgeschlafen und vom Jetlag soweit möglich erholt – auf Erkundungstour in einer polnischen Kleingruppe der Crew, die sich aus Julia, Maja, Tomek und meiner Wenigkeit zusammensetzte. Wir hatten uns über Sixt einen Mietwagen für zwei Tage gebucht, den wir zwar schon ab 8 Uhr morgens reserviert hatten, den wir aber erst um halb zehn an der Southern Cross Station abholten – wie gesagt, soweit möglich vom Jetlag erholt 😀 Der Mietwagen war ein ziemlich schicker Renault Koleos, der mitunter einer meiner ersten SUVs für mehrere Tage sein sollte und der im Nachgang noch für ein paar bürokratische Probleme sorgen sollte: Denn irgendein Mitarbeiter bei dem Mietwagen-Anbieter hatte irgendwo einen Zahlendreher beim Kennzeichen reinbekommen, sodass bei der Rückgabe nicht nur der falsche Tankstand mit meiner Buchung verknüpft wurde, sondern ich eine Woche später auch Rechnungen von Linkt (dem Betreiber der Mautstraßen in Melbourne) für das Befahren von Straßen bekam, auf denen wir nie unterwegs waren. Es dauerte am Ende knapp vier Wochen – natürlich mit sehr viel Hinterherlaufen meinerseits – ehe das Dilemma gelöst worden war.

Abgesehen davon war das Auto aber großartig. Noch großartiger war es jedoch, wieder auf der linken Seite der Straße zu fahren, die wir sofort in der vollen und gestressten Umgebung des „Hauptbahnhofs“ von Melbourne betraten, sobald wir das Parkhaus verließen. Es waren zu dem Zeitpunkt zwar fast vier Monate vergangen, ehe mein erstes australisches Auto auf den Schrott gewandert war, aber ich hatte mit dem Holden Viva rund 10.000 Kilometer absolviert und die linke Seite der Straße war schon lange nicht mehr die „Falsche“ für mich (es sollte aber noch ein paar weitere Monate dauern, ehe sie zur „richtigen“ Seite wurde). Die Stadt war für das Autofahren aber zu voll und auch gar nicht unser Ziel an jenem Tag, sodass wir uns ziemlich zügig auf die M1/den Princes Fwy machten und entlang des Avalon Airports und Geelong nach etwas mehr als einer Stunde auf dem Surf Coast Hwy landeten, der uns nach Torquay bringen sollte – dem ersten Halt auf dem Weg zur Great Ocean Road.

Torquay, einer der Surfer-Hotspots um Melbourne herum

Dort hielten wir am Point Danger und genossen das erste Mal das australische Meer und die frische Brise des Indischen Ozeans, gleichwohl mit dem Blick auf die ersten Surfer, die wir an jenem Tag erblicken sollten und die in mir die Lust weckten, mal länger an einem Spot zu verweilen, an dem ich ein Surfboard häufiger in die Finger bekäme. Ansonsten war das Wetter – wie den Bildern zu entnehmen – etwas überschaubar, es hat zwar abseits von ein zwei kurzen Nieselregen-Momenten nicht geregnet, war aber auch nicht wirklich sonnig und damit auch nicht wirklich warm. Letzteres ist Ende Mai an der Südküste zwar nicht unbedingt zu erwarten, aber nachdem ich die meiste Zeit in Australien in kurzer Hose und Thongs verbracht habe, waren die 15-20 Grad Celsius überschaubar. Aber sie haben die Begeisterung für den Kontinent nicht geschmälert, sodass wir uns nach einem kurzen „Verstecken spielen“ (man könnte es auch „Den Parkplatz wechseln, während jemand von uns auf Toilette war und dann dachte, dass wir ohne ihn gefahren wären“ nennen) auf die als B100 nummerierte Great Ocean Road begeben haben – mit etwas Süßem als nächstem Spot.

Es war nämlich Danielas Empfehlung, einmal bei der Great Ocean Road Chocolaterie anzuhalten und hier durch Schokolade und Eis durchzuprobieren, was wir uns beim Anblick der Theke und der verschiedenen Sorten auch nicht nehmen ließen.

Great Ocean Road Chocolaterie
Great Ocean Road Chocolaterie

Nach einem nur kurzen Stop am Anglesea River führte es uns nach Aireys Inlet, wo wir schon von weitem den dortigen Leuchtturm erblickt hatten und zu dem wir uns sodann auch aufmachten. Es war zu dem Zeitpunkt bereits 12:30 Uhr und im Nachhinein war an dieser Stelle schon klar, dass wir es nicht zum Ende der Great Ocean Road schaffen konnten. Theoretisch hätten wir zwar die verbleibenden 150 Kilometer, beziehungsweise knapp drei Stunden, durchaus schaffen können, ehe die Sonne bereits um 17:15 Uhr unterging. Aber so ganz funktionieren konnte das mit unserer Reise-Art nicht wirklich, die beinhaltete, an jedem schönen oder interessanten Fleck stehen zu bleiben. In dem Moment schenkten wir dem Thema Zeit aber (glücklicherweise, wie ich finde) keine Aufmerksamkeit, sondern taten eben genau das, wofür sich die Great Ocean Road anbietet, wenn man Zeit hat: Die Natur zu genießen.

Eagle Rock
Split Point Lighthouse

Ein obligatorischer Stop am Memorial Arch, wo man sich waghalsig auf eine befahrene und teils schlecht einsehbare Landstraße für ein Foto unter dem berühmten Schriftzug zu begeben hatte und ein wenig Herumschlendern am Lorne Pier später kamen wir irgendwann am Kafe Koala kurz hinter Wye River raus, wo uns der dortige Betreiber des Cafés auf die richtige Spur führte, um die ein oder anderen wilden Koalas zu finden: Er schickte uns die Grey River Road am Caravan Park vorbei in den Wald hinein mit der Ankündigung, wir würden irgendwann nach rund fünf Minuten auf der linken Seite ein Schild und ein Gate sehen, von wo aus wir einen Weg in eine Waldschneise hineingehen könnten. Er hätte dort das letzte Mal einige Tage zuvor 17 Koalas gezählt. Und ganz wichtig: Man könnte das Gate und das Schild nicht verpassen.

Memorial Arch
Unser Mietwagen mitten im Wald

Hm, wir scheinbar schon 😀 Nach 20 Minuten auf der außer uns komplett leeren Grey River Road, mittlerweile schon weit abseits des Handy-Empfangs, beschlossen wir umzudrehen, da wir die zu suchenden Punkte nicht finden konnten. Rückblickend mussten wir aber noch ein Stück weiterfahren als erwartet, weil wir an einer kleinen Parkbucht mitten im Wald mehrere Kängurus in freier Wildbahn sehen konnten. Ehe wir auf dem Rückweg zurück zur Zivilisation dann irgendwann doch die Schranke und das „große, unverfehlbare“ Schild auffinden konnten (ich habe kein Foto vom Schild, aber es war echt klein und die Schranke wäre wenn dann nur im Rückspiegel zu sehen gewesen)…

Diese Schranke war für uns relativ einfach zu übersehen
Der erste Koala im Baum

Immerhin hatten wir damit unser Kontingent an Blindheit aufgebraucht, sodass wir auf dem Weg durch den Wald mehrere Koalas hoch oben in den Baumkronen finden konnten, die damit (sofern ich mich nicht komplett vertue) auch für mich die allerersten Sichtungen des Beuteltieres waren. Auch wenn sich die Koalas in den Bäumen nicht großartig rührten und das fast alle das taten, was sie meistens tun – schlafen – war es unfassbar rührend und besonders, sie in freier Wildbahn zu finden. Für manch einen fast schon zu rührend, denn Tomek hatte dabei mit den Tränen zu kämpfen. Aber in dem Moment waren es nicht nur die Tiere an sich, sondern auch die Realisierung, wo wir uns gerade befanden (insbesondere aus der Sicht einer in Deutschland stationierten Crew an Flugbegleitern) und was wir an diesem Tag alles schon gesehen hatten. Das wurde dann lediglich in Form der im Baum hängenden Tiere und dem weiteren ein oder anderen vorbeihüpfenden Känguru ausgedrückt.

Entlang der Bäume waren noch weitere Koalas vorzufinden

Nach dem Weg durch den Wald, der uns fast wieder zur Küste führte, war es bereits 17 Uhr und wir wären zu dem Zeitpunkt noch über 100 Kilometer von den 12 Aposteln entfernt, sodass wir uns dazu entschieden, diese Strecke nicht mehr zu machen, sondern langsam wieder den 165 Kilometer langen und knapp drei Stunden andauernden Rückweg einschlugen, welchen wir für jeweils eine Portion Fish & Chips in Lorne und einen kleinen Powernap meinerseits bei Geelong (niemand anderes hatte sich getraut, den Linksverkehr auszuprobieren und sich als Zweitfahrer eintragen zu lassen) unterbrachen, ehe wir um 22:30 Uhr glücklich und kaputt wieder am Albert Park ankamen.

Umringt von Kängurus und Koalas

Am nächsten Tag ließen wir es morgens wieder entspannter angehen – wobei ich eh fasziniert davon bin, was wir bei dem kurzen 72 Stunden-Aufenthalt nach rund 14 Stunden Flugzeit und 6 Stunden Zeitverschiebung alles so gemacht haben (alles in Relation zu Dubai wohlgemerkt, wo wir nur einen Tag Aufenthalt vorher hatten) – und machten uns nach einem entspannten Frühstück auf den Weg zum Moonlit Sanctuary Wildlife Conservation Park, der sich rund eine Stunde entfernt im Südosten von Melbourne befand. Nachdem wir am Tag zuvor bereits aus der Entfernung Koalas und Kängurus in freier Wildbahn gesehen hatten, hatten wir hier nun die Möglichkeit, sie aus nächster Nähe zu erleben und mit ihnen auch zu interagieren. Denn im großen Innenbereich des Parks, im Wallaby Walk konnte man eine Schar an Wallabies verschiedener Arten füttern und fast in ihnen etwas untergehen. Sie waren insgesamt sehr nahbar und kamen auf einen zu, während sie das Roo-Futter aus der Hand aßen, was natürlich für sehr süße Fotomotive sorgte.

Im Sanctuary kamen einem die Wallabys ganz nahe
...und man konnte auch ihnen ganz nahe kommen
Aber es gab auch Wombats und andere Tiere im Park
Auch hier haben die meisten Koalas geschlafen

Gegen Aufpreis gab es auch die Möglichkeit, einem mit Essen beschäftigten Koala nahe zu kommen und ihn zu streicheln, wobei das Halten eines Koalas in den südlichen Staaten Australiens nicht erlaubt ist, sodass das hier natürlich auch nicht möglich war. Die Koalas im Park waren grundsätzlich während unseres Besuchs sehr umtriebig, was es sehr faszinierend gemacht hat zu sehen, wie schnell sich ein solches Tier bewegen kann, wenn es das denn möchte.

Einen Plüsch-Koala gab es beim Ausgang zum Knuddeln :D

Es gab im Park natürlich noch diverse andere Tiere, von Wombats über Emus, Echsen und Kakadus, wobei mein damaliges Ich all diesen faszinierenden Tierarten nicht sonderlich viel Beachtung geschenkt hat – etwas, was mein Tour Guide-Ich 2026 definitiv anders machen würde 😀 Dennoch waren wir bei der ein oder anderen Vorstellung dabei, wo uns die unterschiedlichsten Fähigkeiten von manch Tier nähergebracht wurden. Auch wenn das Sanctuary natürlich nicht das Erleben von Tieren in freier Wildbahn darstellt, gibt es einem doch die Möglichkeit, die so andere Artenvielfalt Australiens zu entdecken.

Middle Brighton Beach
Middle Brighton Beach
Skyline von Melbourne im Hintergrund
Die Docklands

Auf dem Rückweg zurück ins Zentrum hielten wir noch am Middle Brighton Beach und genossen die Weite und Leere eines Strandes in Melbourne mitten im Herbst. Nach meinem oben erwähnten Nachmittags-Vorstellungsgespräch und einem kurzen Stop in den Docklands wurde es Zeit, den Mietwagen wieder abzugeben. Wir hatten zwar noch fast den gesamten nächsten Tag, allerdings bereitet man sich da schon mental und körperlich etwas auf die Strapazen des Rückfluges vor, sodass Tomek und ich am nächsten Morgen noch alleine etwas entlang der Start-Ziel-Geraden und durch St. Kilda spazieren gegangen sind – was auch wieder sehr komisch war, wo diese Region im Sommer und einer anderen Uhrzeit deutlich belebter war, als ich die letzten Male dort war.

St. Kilda
St. Kilda

Ein schmerzhafter Abschied (auf Zeit)

Und dann ging es am Abend wieder in Richtung Flughafen, dieses Mal mit einem schweigsamen Busfahrer, der mehr kommentarlos das Gepäck einlud, uns vor das internationale Terminal brachte, wir noch ein bisschen auf der Suche nach dem richtigen Schalter herumliefen und es wieder zurück nach Dubai und später Deutschland ging.

Als ich die Überschriften-Gliederung für diesen Blogeintrag kurz nach dem Layover vor zwei Jahren vorbereitet hatte, stand bei diesem Abschluss-Abschnitt noch ein Fragezeichen hinter dem „auf Zeit“. Mit dem Rückflug nach Deutschland Ende Januar 2024 hatte ich an sich mit dem Kapitel Australien abgeschlossen und nicht mehr auf dem Schirm wieder zurückzukehren – zumindest nicht zum Leben und Arbeiten. Die drei Tage in Melbourne, die sich im Nachhinein vielleicht als „Zeichen“ interpretieren lassen, änderten ein bisschen meine Einstellung dazu, auch wenn ich mich nicht einfach wieder mit dem Working Holiday Visum und ohne Plan in irgendeine der größeren oder kleineren Städte stürzen wollte, da ich so im Endeffekt an derselben Stelle angekommen wäre, wo ich einige Monate zuvor in Sydney abgebrochen hatte.

Bis bald, Australien

Was dieser Melbourne-Umlauf von meinem Zukunfts-Ich aus betrachtend außerdem für mich war, war im weiteren Sinne gefasst meine erste Erfahrung als Tour Guide oder Fremdenführer. Selbstverständlich waren die zwei Tage an der Great Ocean Road und in Melbourne selbst keine geführte oder organisierte oder konkret geplante Tour, aber für die anderen drei war es das allererste Mal in Australien, während es für mich ein Wiederankommen in dem Land war, in dem ich die längste Zeit meines Lebens außerhalb Deutschlands gelebt habe, gearbeitet habe und gereist bin. Und auch wenn ich von diesem Kontinent selbst zwei Jahre später vieles noch nicht gesehen habe, konnte ich innerhalb meiner ersten elf Monate in Australien zumindest ein bisschen das Leben dort aufsaugen – und den anderen näherbringen. Dass dies das erste, aber bei weitem nicht das letzte Mal war, bei dem ich in die Rolle des Tour Guides schlüpfen durfte, das konnte ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht im Entferntesten erahnen…

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