Gibraltar: Wo die Landebahn von einer Straße gekreuzt wird

Abgesehen von Sevilla gab es während der Zeit in Cádiz noch einen interessanten größeren Ort, den wir bei unserem Aufenthalt erkunden wollten, nämlich das britische Überseegebiet Gibraltar. Die Halbinsel liegt ein Stück östlich von Algeciras und rund 150 Kilometer Auto- oder Busfahrt entfernt von Cádiz, was im Rahmen eines Tagesausfluges machbar erschien. Also hatte ich auch hier bereits im Voraus am Busbahnhof in Cádiz zwei Bustickets organisiert, mit denen wir uns am letzten vollständigen Tag morgens um 7 Uhr in den Bus setzten.

Mit dem Fernbus durch Spanien

Damit wir möglichst viel Zeit in Gibraltar hatten, nahmen wir den allerersten Bus um 7 Uhr morgens, wofür wir auch entsprechend früh aufstehen mussten. Der Fernbus, betrieben von Transportes Generales Comes, war ein moderner grüner Bus, der an jenem Dienstag Morgen auf dieser Strecke auch alles andere als überlaufen war. Wir suchten uns vorne zwei Plätze aus, sodass wir aus dem Bus heraus den Sonnenaufgang und die spanischen Straßen ein wenig beobachten konnten. Leider galt im öffentlichen Verkehr in Spanien zu dieser Zeit noch Maskenpflicht, was bei den beiden nicht-spanisch sprechenden älteren Herren auf der anderen Seite des Busses dazuführte, dass sie vom Busfahrer (auf Spanisch, wow) dabei angeschnauzt wurden, als sie etwas frühstücken wollten und dafür die Maske zumindest für den Moment des Bisses absetzten.

Bei dieser ausgestrahlten Sympathie verzichteten wir auf unseren Plan, auch im Bus zu frühstücken und holten dies in Algeciras nach, wo wir den Bus wechseln mussten. Also schauten wir während der Fahrt lediglich aus dem Fenster und auf die halbwegs unspannende spanische Weite hinaus, die von Haltestellen manchmal mitten in der Walachei unterbrochen wurde. Ein schönerer Haltepunkt war die Küstenstadt Tarifa, die ein wenig mehr Zivilisation und diverse Surferläden aufweisen konnte.

Kurzer Zwischenhalt und Buswechsel in Algeciras
Algeciras von seiner eher nicht schönen Seite

Das Gegenteil von schön war hingegen Algeciras und die Umgebung der Stadt bishin zu La Línea de la Conceptión (im Folgenden nur noch La Línea genannt), der spanischen Stadt direkt an der Grenze zu Gibraltar: Alles wirkte irgendwie heruntergekommen, überhaupt nicht sauber und auch in keinster Weise irgendwie schön. Der Busbahnhof, der sich nicht vor den „schönsten Fernbusbahnhöfen Deutschlands“ (Achtung, Ironie!) verstecken musste, war dabei nur die Spitze des Eisbergs, so gepflegt und sauber, wie die Anlage und auch die Toiletten waren. Glücklicherweise mussten wir hier nicht viel Zeit verbringen, die wir für das Verspeisen einer am Vortag in Cádiz gekauften Sandwich-Ecke nutzten. Anschließend ging es mit einem Linienbus weiter nach La Línea, da es nur zwei direkte Busverbindungen von Cádiz nach La Línea gab: Eine um 12:00 Uhr und eine um 20:30 Uhr, wobei beide für einen Tagesausflug natürlich keinen Sinn machen. So waren wir mit dem ersten Bus des Tages um 9:30 Uhr in Algeciras und nach rund 20 Minuten Wartezeit auf den Anschlussbus kurz vor 11 Uhr an der spanisch-britischen Landgrenze, dessen Existenz mir bis zu diesem Punkt nicht wirklich so bewusst war.

Einmal über die Landebahn, bitte!

Der Busbahnhof in La Línea war etwa 200 Meter von der Grenze entfernt und wir waren mit Abstand nicht die einzigen, die an diesem Tag das Land wechseln wollten: Das Menschen- und Autoaufkommen war vergleichbar mit einem deutschen Flughafen am Urlaubsbeginn, doch immerhin funktionierte insbesondere die Fußgängerpasskontrolle schneller, als das in der Heimat der Fall gewesen wäre, auch wenn hier durch das Verlassen der EU ein Reisepass nötig war.

Hinter der Grenze fanden wir es irgendwie sehr abstrus, jetzt auf einmal mir nichts dir nichts in Großbritannien zu sein. Wir hatten aber auch genug Zeit, um das zu realisieren, denn nach wenigen Metern standen wir wieder in einer Menschenmasse mit einem Stau neben uns, wobei wir beides im ersten Moment nicht wirklich zuordnen konnten. Erst mit der Zeit verstanden wir, dass wir vor einer Start- und Landebahn standen. Da Gibraltar eine Gesamtfläche von 6,5 Quadratkilometern aufweist, mussten die Briten kreativ sein und so kam man beim 1939 erbauten und seit 1987 für die zivilie Luftfahrt freigegebenen Flughafen dazu, dass die Winston Churchill Avenue – die einzige Straße zwischen Gibraltar und Spanien – die Start- und Landebahn kreuzt und für jede Flugbewegung ähnlich wie ein Bahnübergang abgesperrt wird. Da man an dieser Stelle praktisch Zugang zur Airside-Zone des Flughafens hat, sprich jenem Bereich, indem sich nur ausgewiesene Mitarbeiter, Flughafenpersonal, etc. aufhalten dürfen, sind die Sicherheitsvorkehrungen an diesem „Flugzeugübergang“ ein wenig strenger als an einem Bahnübergang: Neben dem Standardequipment (Schranke und Ampel) gibt es auf Straßenseite ein Nagelband, um Autofahrer auszubremsen, die durch die Schranke durchfahren wollen; außerdem ist der Übergang an beiden Seiten entsprechend von Polizisten bewacht.

Die spanisch-britische Grenze
Was ein absurdes Bild :D
Sieht ein bisschen aus wie gephotoshopt, ist es aber nicht :D
Der Stützpunkt der Royal Air Force, hinten eine BA-Maschine

Nun ist die Landebahn 09/27 des Flughafens von Gibraltar mit 46 Metern Breite sowie zusätzlich dem umliegendem Bereich und Sicherheitsabstand, welcher ebenfalls abgesperrt wird, ein wenig breiter als eine zweispurige Eisenbahnstrecke, sodass es für wenige Minuten zwischen zwei Flugzeugen keinen Sinn macht, den Übergang für Fußgänger aufzumachen. Und natürlich hatten wir das Glück, dass bei unserer Wartezeit nicht nur eine Flugzeugbewegung stattfand, sondern gleich fünf. So warteten wir fast 50 Minuten und sahen den Maschinen von easyJet, British Airways und einem kleinen Flieger der Royal Air Force beim Starten und Landen zu, ehe wir zusammen mit einer mittlerweile riesigen Menschenmenge auch die Startbahn passieren durften. Wir trotz der eingeschränkten uns zur Verfügung stehenden Zeit keinen Stress diesbezüglich und ich fand die Nähe zur Landebahn auch ziemlich cool, so nach und nach verschwand aber die Begeisterung für das Flugzeugtreiben, auch aufgrund der hinter einem wartenden immensen Menschenmenge.

Ein paar Höhenmeter später…

Daher waren wir dann irgendwann ganz froh darüber, dass wir die Landebahn passieren durften und uns dem Rock of Gibraltar nähern konnten. Jener 426 Meter hohe Fels war schon auf der Autobahn von Algeciras nach Gibraltar zu erspähen und selbstverständlich auch während der Landebahn vor uns formatfüllend im Blickfeld. Bevor wir jenen Felsen aber auch in der Höhe erreichen konnten, mussten wir uns erst ein wenig durch Gibraltar schlagen: Die Talstation des Gibraltar Cable Car – wie die Seilbahn heißt, die einen nach oben bringt – befand sich am anderen Ende der Innenstadt des Landes, die primär von der Main Street durchzogen wurde. Jene erreichten wir einige hundert Meter nach der Grenze und verließen sie bereits wenige Meter nachdem wir sie betreten hatten: Denn es war einfach viel zu voll. In der Straße stapelten sich die Menschen gefühlt fast schon und shoppen wollten wir eh nicht, also bogen wir alsbald möglich links in die Engineer Lane ab und umgingen so das Touri-Getümmel.

Irgendwann hatten wir es dann geschafft und waren hinter dem Flugzeugübergang
Die <em>Main St</em> in der Innenstadt war sehr voll...
...sodass wir zügig auf die Seitenstraßen ausgewichen sind
Die Bodenstation der Seilbahn
Überblick über den botanischen Garten
Der Trafalgar-Friedhof von oben

Unabhängig davon war es nach zwei Wochen Spanien sehr ungewohnt (aber toll!), dass Schilder wieder in einer verständlichen Sprache waren, deutlich weniger Spanisch zu hören war und auch dieser spanische Flair, den ich nicht genauer beschreiben kann, quasi an der Grenze umgedreht ist und Gibraltar nicht wirklich erreicht hat. Obwohl wir in Großbritannien waren, galt hier außerdem Rechtsverkehr, der Pfund war hier dennoch das Zahlungsmittel Nummer 1 und auch den britischen Dialekt bekam man überall zu hören. Und es war die ganze Zeit faszinierend, wie auf so einer kleinen Fläche, wo ich bei Cities: Skylines diesen Berg mehr als nur verflucht hätte, eine ganze funktionierende und mit 35.000 Einwohnern auch nicht leere Stadt hineinpasst.

Viele Treppen musst Du gehen...
Diese Katze hat sich einen wohl sehr bequemen Schlafplatz gesucht
Ausblick auf die Stadt in Richtung Norden...
...in Richtung Süden...
...und in Richtung Westen/Algeciras
Die <em>Ragged Staff Gates</em>

Aber selbstverständlich war alles kleiner, schmaler und an die landschaftlichen Gegebenheiten angepasst: Falls man die Hauptrouten verlässt, wird in Gibraltar aufgrund der zurückzulegenden Höhenmeter und Treppen eine gewisse sportliche Kondition abverlangt. Um das zu Umgehen, hatten wir den ursprünglichen Plan, mit der Seilbahn den Weg nach oben zu bestreiten, doch vor der Seilbahn stehend mussten wir zwangsweise unseren Plan ad acta legen: Die Warteschlange war viel zu lang, als dass es irgendwie Sinn gemacht hätte, sich dort anzustellen. Nach einer kurzen Verschnaufpause in den Gibraltar Botanic Gardens entschieden wir uns doch für das Zurücklegen einiger Höhenmeter, um zumindest ein wenig einen Ausblick über die Stadt zu haben und gingen unseren Weg zum Cable Car durch die kleinen Seitenstraßen ein Stück zurück, ehe wir hunderte verwinkelte Treppenstufen hochgingen und an der Flat Bastion Rd rauskamen. Auf dieser Straße, dessen Erreichen insbesondere Franzi körperlich viel abverlangte, fanden wir einen in Richtung Meer zeigenden fast schon über den Dächern erbauten Parkplatz, von dem aus man einen schönen Ausblick auf die Stadt hatte, mit dem wir uns für heute dann auch zufrieden gaben, denn wir hatten Hunger.

Lecker :D

Und so stiefelten wir die paar Höhenmeter wieder runter, landeten an der Küste und kehrten in die The Lounge Bar & Gastro Bar am Queensway Quay, einem der Yachthäfen von Gibraltar ein, wo wir uns das klassischste und vielleicht auch klischeehafteste Essen gönnten, was man sich in Großbritannien bestellen konnte: ‚Signature‘ Fish and Chips. Und waren diese Fish and Chips lecker, ich weiß nicht, ob das Bild nur im Ansatz vermitteln kann, wie wir uns da hätten reinsetzen können, als wir die Yachthafen-Atmosphäre genossen.

Europa Point

Gestärkt und gesättigt hatten wir noch in etwa zwei Stunden, ehe der Bus wieder zurück nach Cádiz abfuhr und wir mussten auf dem Rückweg ja noch den Flughafen passieren, auch wenn wir hier bereits im Voraus potentielle Flugbewegungen über FlightRadar zu planen versuchten. Wir entschieden uns daher, den Europa Point anzusteuern, welcher den südlichsten Punkt Gibraltars markierte. Da dieser von der Innenstadt rund dreieinhalb Kilometer entfernt war, suchten wir uns einen Bus der Linie 2 und fuhren mit jenem innerhalb von knapp 20 Minuten in den Süden. Der Ticketpreis müsste, sofern ich das richtig in Erinnerung habe, bei £2,50 pro Person gelegen haben (auch bezahlbar als 3 Euro, aber passend) und resultierte in einem Tagesticket, welches in allen Bussen der Gibraltar Bus Company gültig war. Das sage ich deshalb so detailliert, weil es auf der kleinen 6,5 km² großen Landesfläche tatsächlich zwei parallel fahrende Busunternehmen auf verschiedenen Routen gibt, die abgesehen vom Citibus-Hopper-Tagesticket für £6,00 keine miteinander kompatiblen Tickets anbieten – man könnte fast meinen, man wäre in Deutschland.

The Rock vom Europa Point aus
Der Leuchtturm am Europa Point
Das Denkmal zum Unglück von General Sikorski
Wäre das Wetter besser, könnte man da hinten Marokko erspähen

Am Europa Point gab es ein wenig zu erkunden: Neben dem Ausblick nach Marokko, was man bei dem bewölkten Wetter an dem Dienstag nur erahnen konnte, gab es unter anderem einen Leuchtturm, eine Moschee und diverse kleine Pfade entlang der steinigen Küste. Auch war von hier der Fels von Gibraltar nochmal aus einer anderen Perspektive zu sehen und gleichzeitig war man so weit weg vom Stadtzentrum, dass es hier schon idyllisch ruhig war. Auch gab es hier ein Denkmal für ein Flugzeugunglück, bei dem am 4. Juli 1943 der General Władysław Sikorski, Premierminister der polnischen Exilregierung der damaligen Zeit umkam.

Die Busse in Gibraltar sahen irgendwie süß aus
Ich fand es lustig, dass die Tankstelle "Gib Oil" heißt...

Wir wanderten ein wenig umher, machten ein paar Fotos, genossen das Rauschen der Wellen an den Felsen und kehrten mit dem selben Bus, mit dem wir herkamen, wieder zurück ins Stadtzentrum, wo wir am Market Place wieder ausstiegen. Die in Gibraltar fahrenden Busse fügten sich alle in die Größe der Stadt ein, denn sie waren sehr kurz und dadurch irgendwie süß. Freundlich waren dabei alle Fahrgäste, die sich beim Aussteigen immer beim Busfahrer bedankten und ihm einen schönen Tag wünschten, was ich an dieser Stelle so hervorhebe, weil das wirklich alle machten – etwas, was ich sehr schön fand, so aber noch nirgendwo erlebt habe.

Letzter Ausblick auf den Fels von Gibraltar, ...
...ehe es mit einem grünen Bus wieder zurück nach Cádiz ging

Vom Market Place stiefelten wir wieder zurück zur Start- und Landebahn, wo wir dieses Mal kein Flugzeug passieren lassen mussten, und anschließend wieder zurück zum Busbahnhof von La Línea, von wo aus uns ein grüner Comes-Bus dieses Mal ohne Umsteigen nach Cádiz zurückbrachte. Wir kamen damit leider schon um 19:30 Uhr an, aber es gab (auch mit Umsteigen) keine spätere Rückfahrt, die wir hätten nehmen können.

Rückblick

Der kurze Tag in Gibraltar war auf jeden Fall seinen Besuch wert und hat mir sehr gefallen, auch wenn ich die faktischen fünf Stunden in dem Überseegebiet definitiv zu wenig fand. Während mir der eine (in Stunden gesehen aber auch längere) Tag in Sevilla vollkommen ausgereicht hat, hätte ich gerne noch einen oder gar zwei Tage dran gehangen, um ohne den Zeitstress der Startbahnüberquerung etwas von dem Land zu sehen. Neben dem gemütlicheren Rumschlendern durch die Straßen, dem zusätzlichen Erkunden der Ostseite hinter dem Felsen würde dazu natürlich auch der Fels selbst gehören, der neben der Seilbahn auch zu Fuß durch das Upper Rock Nature Reserve samt all der dort lebenden Affen erkundet werden kann, auch wenn der Eintritt in den Nationalpark £18 kostet (was, soweit ich in Erinnerung habe, weniger als die Seilbahn ist).

Seit dem 31. März 2023 ist mittlerweile auch der Kingsway fertig, eine östlich gelegene Tunnelumgehung der Start- und Landebahn, was den Besuch Gibraltars mit dem Auto ein bisschen weniger interessant macht. Als Fußgänger oder mit dem Fahrrad lässt sich das Unikat des „Flugzeugübergangs“ aber glücklicherweise weiterhin passieren, was ich toll finde, da die Überquerung für mich als Aviation-Fan ein kleines Highlight war, egal wie sehr der Wind auf der Landebahn auch gewütet hat.

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