Als ich am 16. März 2020 aus Bangkok wieder an meinem damaligen Homebase-Flughafen München gelandet bin und durch ein – trotz Montag 17:30 – totes Terminal zum Weiterflug nach Köln gegeistert bin, ahnte ich bereits, dass es bis zu meinem nächsten Flug wohl länger dauern würde. Dass ich dafür aber die Firma wechseln und neu geschult werden muss, damit habe ich nicht gerechnet.
Der erste (kurze) Flug
So wurde es nach der sechswöchigen Schulung am 28. Juli 2021 und damit nach 499 Tagen endlich wieder Zeit, in Uniform ein Flugzeug zu betreten. Das ausgewählte Flugzeug war rein fürs Protokoll ein Airbus A330-200 mit der Registrierung D-AXGF, also eine der ehemaligen Maschinen, die damals bei SunExpress Deutschland geflogen sind. Kurz um: Für mich ein alter Bekannter. Und so hat sich das dann auch angefühlt.
Auf der Position 4R, also an der vierten (und damit hintersten) Tür an der rechten Seite war ich eingeteilt worden und damit vor dem Boarding für das Catering zuständig. Denn, auch wenn man das vergisst, liegt vor so einem Flug einiges an Vorlaufzeit für die Crew, die unter anderem mit dem Briefing und dem Besprechen des Fluges sowie der Vorbereitung des Flugzeugs verbracht wird.
An jenem Tag hielt sich das Catering aber in Grenzen, denn das Ziel war trotz des großen Flugzeugs nicht irgendwo am anderen Ende der Welt – sondern die spanische Küstenstadt Barcelona, die wir damals täglich mit dem A332 angeflogen sind. Der Service in der Economy Class bestand aus einer gut gekühlten Flasche Wasser und dreimal darfst Du nun raten, was sich in gefühlt 99% der Trolleys in der hinteren Galley befand.
Unabhängig von der fehlenden Komplexität der Beladung war es schön, mal wieder Trolleys öffnen und schließen und sich überhaupt an Bord eines Flugzeugs befinden zu dürfen.
Anschließend ging es auch schon los mit dem Boarding, welches aufgrund der Außenposition am Frankfurter Flughafen sowohl über die zweite als auch über die vierte Tür stattfand, sodass ich da gleich wieder in Kontakt mit Gästen kommen durfte. Aufgrund eines nur halbvollen Fliegers und der sowieso schon großen Staufächer über den Sitzen war das Boarding dann aber kein spektakuläres Thema und schnell erledigt. Also konnten die Türen zügig geschlossen und mit dem nächsten „Programmpunkt“ fortgefahren werden – den Sicherheitsanweisungen.
Jene finden bei uns weiterhin manuell statt, das heißt ohne Monitor und langweiligem und langsamen Video, auf welches sowieso kaum wer achtet, sondern durch einen eleganten Tanz der Flugbegleiter. Und auch wenn die Reihenfolge – Gurt, Notausgänge, Sauerstoff, Schwimmwesten, Sicherheitskarte – die identische geblieben ist, haben sich ein paar Formulierungen und Darstellungen verändert. Obwohl ich mich eigentlich gut vorbereitet gefühlt habe, kam ich da dann doch ein wenig ins Schwitzen und es hat noch einige Flüge gedauert, wieder reinzukommen. Dennoch waren alle Gäste informiert, angeschnallt und auf den Start vorbereitet, als dass nun auch die Crew ihre Plätze einnehmen konnte. Bis hierhin hielten sich die Emotionen in Grenzen, weil ich schon Anfang April bei der Flugzeugbegehung einmal durch den Flieger gehen und emotional ein wenig in der neuen alten Realität ankommen konnte.
Doch ab hier war dieses tolle Gefühl wieder da; dieser Moment, in dem man in der Luft alle Sorgen vergisst, all den Stress am Boden – sei es im privaten Leben oder auch in den Flugvorbereitungen – und sich leicht überspitzt wie in einer anderen für sich geschlossenen Welt fühlt. Eingeleitet wird diese Welt dabei nicht mit dem Schließen der Türen, nicht mit dem Vorbereiten der Kabine und auch nicht erst beim Abheben, sondern mit den Worten Cabin Crew Prepare for Departure, die in etwa dreißig Sekunden vor Start des Flugzeugs aus dem Cockpit kommen.
Und diese waren es in Kombination mit dem nach vorne Bewegen der Triebwerkshebel und dem damit startenden lauten Geräusch der Triebwerke, dass ich dann doch ein wenig mit den Freudentränen kämpfen musste, als die Tonnen an Aluminium an Fahrt aufnahmen und sich langsam ihren Weg in den Himmel bahnten.
Diese Emotionen genoss ich anschließend den Steigflug ein wenig für mich, ehe die Anschnallzeichen erloschen und es dann in den Service ging, in dem aufgrund der bereits erwähnten fehlenden Komplexität sehr schnell Routine drin war. Diese war auch bei der Landung, im Verlauf des sich direkt anschließenden Rückfluges und der Flüge der nächsten Tage da, wovon ich tatsächlich ein wenig überrascht war. Aber die Besonderheit des Fluges an sich war nach dem ersten Arbeitstag wieder mehrheitlich verflogen, was ich aber auch gar nicht so verkehrt finde, da man sich bei so emotionalen Starts vermutlich eher nicht hundertprozentig auf den Start an sich konzentrieren kann.
Die erste Langstrecke
Nachdem die ersten Kurzstrecken-Abenteuer mit dem A330 erledigt waren, konnte es am 30. September das erste Mal auf Langstrecke gehen. Als Fluggerät diente die mir bereits aus der Vergangenheit und auch meinem ersten Flug bekannte D-AXGF – ein A330-200 mit mittlerweile nur noch 270 statt 310 Sitzplätzen, dafür aber einer Business Class – aber geplant, war das so an dem Tag nicht. Eigentlich sollten wir diesen Flug mit einem A330-300 bestreiten, der aufgrund der größeren Länge des Flugzeugs auch mehr Sitzplätze hatte, doch die Technik spielte nicht so ganz mit uns mit, weshalb ein Aircraft Change von Nöten war. Für mich nichts schlechtes, da ich die 200er von innen in- und auswendig kenne und auch schöner finde und so an dem Tag nur den Service als persönliche Neuheit hatte. Für alle anderen natürlich mit ein wenig Stress verbunden, denn Gäste mussten umgesetzt werden und was noch viel schlimmer war: Es kamen nicht einmal alle mit. In solchen Momenten habe ich mein größtes Beileid mit den Kollegen am Gate, die die Situation insbesondere bei einem so kurzfristigen Aircraft Change (zwei Stunden vor Abflug) handhaben müssen. An sich wäre das nicht das Problem, aber Menschen können bekanntlich anstrengend sein…
Der Aircraft Change bedeutete auch, dass es auf dem Flug nur einen „eingeschränkten“ Crew Rest gab. Denn während die A330-300 mit einem LDMCR ausgestattet sind, einem Lower Deck Mobile Crew Rest, also einem mir bisher nur aus Galileo-Beiträgen bekannten flexibel herausnehmbaren Container unter dem Passagierraum, der über eine Treppe erreicht werden kann und mehrere richtige Schlafmöglichkeiten beinhaltet, gibt es eine solche Liegemöglichkeit für uns auf dem A330-200 nicht. Dort dürfen vier durch einen Vorhang getrennten Premium Economy-Sitze als Ruhemöglichkeit für uns herhalten und aus eigener Erfahrung weiß ich, mit wie viel Glückssache es zu tun hat, ob ich an einem Tag dort schlafen kann oder mich noch müder fühle als vorher.
Aber als hätte ich es erwartet, habe ich bereits vier Tage vorher meinen Körper angefangen auf den Nachtflug vorzubereiten und meinen Schlaf durch Wachbleiben bis 2 Uhr, bis 4 Uhr und am Ende bis 6 Uhr immer weiter nach hinten verschoben – eine Maßnahme, die sich an diesem Tag mehr als bezahlbar gemacht hatte. Nicht nur, weil ich meine Pause komplett im Cockpit verbringen konnte, was ich auch sehr vermisst habe.
Das Catering auf dem Flug war bedingt durch den Fliegerwechsel am Ende mehr ein Puzzlespiel, da das für den A330-300 vorbereitete Catering nun auf den A330-200 übertragen werden musste, der aber deutlich weniger Staufächer an manchen Stellen hatte, sodass sich das Bodenpersonal bei jedem Trolley überlegen musste, ob er jetzt mit soll oder ob er doch in Frankfurt bleiben kann. Was ein Glück hatte ich mich mit dem Galleyplan (also den Stauorten in der Bordküche) an meiner 2er-Galley am Tag vorher nur rudimentär beschäftigt, denn dieses Wissen hätte ich an jenem Abend gleich doppelt über Bord werfen können (weil anderer Flieger als geplant und weil selbst hier aufgrund der eben beschriebenen Umstände nicht alles dort stand, wo es sollte). „An jenem Abend“, denn ich habe noch gar nicht erzählt, wohin es ging: Das Ziel des Fluges war das mir doch ganz gut bekannte Windhoek in Namibia mit einem Aufenthalt von rund 30 Stunden und sowohl der Hin- als auch der Rückflug gingen durch die Nacht.
Nun waren das Catering und die Flugzeugvorbereitungen irgendwann abgeschlossen und es konnte ans Boarding gehen. Dieses gestaltete sich ein wenig stressig, da die Economy-Bestuhlung zwar mit 2-4-2 auf dem A330-300 und A330-200 identisch ist, die Buchstaben allerdings nicht (AB_D[E]FG_JK vs. AC_DE[F]G_HK). Das sorgte bei den Gästen teilweise für Verwirrung, ich selbst war aber schnell wieder darin drin, beim Boarding den richtigen Gang und die richtige Richtung ansagen zu können. Nachdem die Gäste da waren, die schon länger wussten, dass sie mitfliegen dürfen, fing das Boarding jedoch an sich ein wenig zu ziehen, da das Gate-Personal hier (so denke ich) freiwillige finden musste, die nicht an jenem Tag fliegen, sondern noch ein wenig länger im trüben Frankfurt verweilen möchten. Ab jenem Punkt des Ziehens ähnelte das Boarding daher gleich einer Lotterie, denn fast alle, die über den Finger die Maschine betraten, freuten sich als hätten sie gerade den Hauptgewinn beim Glücksrad gewonnen.
Irgendwann war das Boarding aber vorbei, alle Glückspilze an Bord, das Gepäck in den Overhead Bins verstaut, die Türen geschlossen, die Safety Demo vorgetanzt und ich mittlerweile sicher einen halben Kilo leichter, ehe wir auf unseren Jump Seats Platz nehmen durften, die Kabine abmeldeten, das Licht den Außenbedingungen angepasst wurde und es über die Startbahn West nach Afrika gehen konnte. Dieser Moment des Sitzens ist dabei immer unfassbar faszinierend, weil Du davor rund eine Stunde wie ein Bekloppter durch den Flieger rödelst und auf einmal nur da sitzt und es ist einfach nur Stille – bis die Triebwerke laut werden. In diesem Moment und den ersten Minuten des Steigflugs habe ich begriffen, dass – so stressig ich das Boarding vielleicht gefunden haben mag – ich mich direkt wieder in meinem Element gefunden habe und die größte Freude daran hatte, Gastgeber an Bord eines Flugzeugs zu sein, welches seine Gäste in einen zur Zeit wohl noch mehr als sonst verdienten Urlaub bringt. Und so musste ich mir die ein oder andere Träne verkneifen…
In der Luft angekommen konnte es mit den „eigentlichen Hauptaufgaben“ losgehen, dem Service. Darin hatte ich mich am Tag davor tatsächlich nochmal intensiver eingelesen, aber ich hatte das unfassbare Glück, neben einem mir bekannten Flugzeug mit Sara auch eine mir bekannte Kollegin an der 2er-Galley zu haben, die mir nicht nur dabei half, mich in all dem „Chaos“ (einfach weil es für mich neu war und Theorie und Praxis hier doch zwei Paar Schuhe sind) zurechtzufinden, sondern mit der ich auch unfassbar gut zusammenarbeiten konnte, sodass der Flug super angenehm war und ich langsam in das neue Produkt einfand. Das ansonsten einzig erwähnenswerten außer meinen zwei tollen Stunden im Cockpit war ein Junge um die 8/9 Jahre, der vor dem Flug Spaghetti gegessen hatte, die sein Körper aber wohl nicht mit nach Windhoek bringen wollte. Auch hier war ich aber wieder schnell in meinem Element und auch sehr begeistert von den Gästen um die Familie herum, die allerlei Hilfe angeboten haben.
In Windhoek angekommen hatte ich dann an der Tür 2L die Ehre, das erste bisschen namibische Luft zu schnuppern und das Deboarding einzuleiten. Begrüßt wurde ich dabei um 8 Uhr morgens von strahlend blauem Himmel und warmen Sonnenstrahlen bei einer sonst (zumindest für mich) frischen und super angenehmen Außentemperatur von 6-8 Grad Celsius. Die Gäste haben alle ziemlich glücklich das Flugzeug verlassen, viele davon sich für den schönen Flug und Service bedankt, sodass wir nach passierter Einreise im Crewbus zum Hotel Platz nahmen. Dort fing ich schon mal mit dem an, was ich auf dem Umlauf weitestgehend gemacht habe: Schlafen.
Der Flughafen WDH liegt fast eine Dreiviertelstunde Autofahrt durch die afrikanische Wüste von der Hauptstadt Namibias entfernt – eine bessere Landschaft zum Schlafen gibt es nicht, auch wenn man gelegentlich das ein oder andere Tier erblicken kann. Vor Ort ging es zunächst aufs Zimmer, dort duschen und weiter schlafen, von 10 Uhr bis 19 Uhr mit einem kleinen Nachtsnack irgendwann in der Mitte, denn ich hatte noch ein wenig vom fabelhaft leckeren Tortellini-Auflauf übrig, den Franzi und ich am Vortag in viel zu großer Ausführung zubereitet hatten und den ich dann während des Fluges warm gemacht hatte – der mir dann aber nachts um drei wieder ein bisschen zu viel war.
Da der Rückflug wie oben erwähnt auch ein Nachtflug war und ich auf solchen Flügen gerne wach und fit bin, auch wenn es die theoretische Möglichkeit des Schlafens gibt, habe ich nachfolgend die Nacht Aufenthalt in Windhoek durchgemacht und mich zu Anfang zunächst an den verkleinerten Pool des Hotels zum Telefonieren hingelegt. Dafür habe ich mich nach dem Zwiebelprinzip warm angezogen (auf der Südhalbkugel war gerade Winter und die Abendtemperaturen lagen bei so 2-7 Grad), sofern dies mein Kofferinhalt erlaubte. Oben herum waren dies leider nur ein T-Shirt und ein Pullover, während ich unten eine Jogginghose unter der normalen Hose an hatte und die Socken durch blau-grüne Kuschelsocken verstärkt wurden. Aufgrund der Hosenlänge sah dieses Outfit sehr „extravagant“ aus, da man die Kuschelsocken gesehen hat und sie farblich nicht zur dunkelroten Hose und den blauen Schuhen passten. Eine Kollegin, die ich zufälligerweise auf dem Weg zum Pool getroffen habe, fand dieses Outfit auch sehr bewundernswert, auch wenn sie versuchte, sich das nicht anmerken zu lassen (was ihr aber nicht gelang). Als es dann irgendwann doch zu kalt wurde, habe ich mich wieder aufs Zimmer verkrümelt, den Abend mit YouTube verbracht und mir einen Burger und einen Cheesecake fast ins Bett bringen lassen. Beim Warten darauf wäre ich jedoch fast verhungert…
Nachdem der Burger und die Pommes verspeist waren und der Kuchen fürs Frühstück aufgehoben wurde, ging es wieder ans Schlafen, da um 16:30 Pickup war. Insgesamt habe ich so die Hälfte der rund 30 Stunden im Hotel mit Schlafen verbracht und mich so beim inneren Wecker um kurz nach 13 Uhr ziemlich fit gefühlt, mir für 15 Uhr was zu Essen bestellt und noch ein wenig Zeit auf dem angrenzenden Golfplatz des Hotels verbracht, da ich dort noch etwas Sonne tanken konnte, ehe es ins kalte, graue Deutschland ging. Insbesondere in der Google Maps-Satellitenansicht sieht dieser Golfplatz sehr verwirrend aus, weil es der gefühlt einzige größere grüne Fleck in der gesamten Stadt ist.
Fast von ein paar Golfspielern abgeschossen später wartete ich auf meinem Zimmer dann auf das Club-Sandwich, dessen Pünktlichkeit aber auch dieses Mal zu wünschen ließ, was mich dann fast schon in ein bisschen Stress brachte. Aber ich habe es doch noch pünktlich zur Lobby geschafft, alle offenen Rechnungen beglichen und es konnte wieder zum Flughafen gehen, an dem wir dann auch wieder eine Dreiviertelstunde später ankamen.
Der Rückflug verlief weitestgehend ohne größere Vorkommnisse. Wir mussten an Bord angekommen die Problematik lösen, dass wir an der Bordküche an der 2er-Position nur eine Box mit Kaffeekannen hatten, aber auch nachdem der Caterer extra nochmal zum Flugzeug kam, konnte er im Cargo in den ausgetauschten Boxen keine versehentlich getauschte finden, sodass wir während des Fluges hier ein wenig improvisieren mussten. Auch hatte die Purserin auf dem Weg zum Flugzeug mir gegenüber positiv hervorgehoben, wie ich mich um das Spaghetti-Kind und die Eltern auf dem Hinflug gekümmert habe, da dies eine andere Kollegin währenddessen mitbekommen hatte. Die Emotionen hielten sich auf dem Flug ein wenig in Grenzen, trotzdem war auch dieser Flug insgesamt sehr schön und ruhig.
In Frankfurt angekommen mussten wir ewig auf die Einreise warten, sodass ich erst eine Stunde zwanzig nach Touchdown vor einer himmlischen Dusche stand, die insofern leider nicht ganz funktionierte, als dass aus ihr nur kochend heißes Wasser kam. Trotzdem konnte ich mich halbwegs gut saubermachen und im Anschluss in meinem im Parkhaus am Flughafen geparkten Camper rund fünf Stunden schlafen, ehe ich mich anschließend zum Wachbleiben zwang, um direkt wieder in den normalen deutschen Schlafrhythmus zu kommen, was mir auch echt gut gelang.